Haarausfall: Minoxidil hilft auch in Tablettenform
Haarausfall kann für die Betroffenen mit hohem Leidensdruck und einem Verlust des Selbstwertgefühls verbunden sein. Besonders häufig ist die androgenetische Alopezie (Alopecia androgenetica). Diese erblich bedingte Form des Haarausfalls tritt vor allem bei Männern auf, verschont jedoch auch Frauen nicht. Daneben gibt es viele andere Formen des Haarausfalls mit völlig unterschiedlichen Ursachen. So gibt es nicht nur durch Alter bedingten Haarausfall, sondern genauso angeborene Formen, die bereits Kinder betreffen. In anderen Fällen führen Entzündungserkrankungen oder eine Autoimmunreaktion zum Haarausfall. Letzteres ist beispielsweise typisch für den kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata). Auch verschiedene medizinische Behandlungen, Operationen oder emotionaler Stress können Haarausfall verursachen; ebenso manche Infektionen (Tinea capitis) oder Chemotherapien gegen Krebs. Der Traktions-bedingte Haarausfall (Traktionsalopzie) lässt sich dagegen auf dauerhaft zu straff gebundene Frisuren zurückführen.
Minoxidil stimuliert das Haarwachstum
Zur Behandlung der androgenetischen Alopezie kommt sowohl bei Männern als auch bei Frauen der Wirkstoff Minoxidil in Form einer Lösung, eines Sprays oder Schaums zum Einsatz. Erst im Körper wird die Substanz in das wirksame Stoffwechselprodukt Minoxidilsulfat umgewandelt. Auch ohne offizielle Zulassung wird der Wirkstoff erfolgreich für die Behandlung verschiedener anderer Formen des Haarausfalls eingesetzt. Aufgrund seiner gefäßerweiternden Wirkung kam er allerdings ursprünglich als blutdrucksenkendes Mittel auf den Markt, weshalb man lange Zeit davon ausging, dass er das Haarwachstum nur indirekt über eine verstärkte Durchblutung der Kopfhaut fördern würde. Vor einigen Jahren wurde allerdings gezeigt, dass Minoxidil noch eine andere Funktion hat (https://derma.plus/journal/minoxidil-foerdert-haarwachstum/) [1]: Minoxidil regt die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren an und stimuliert hierdurch die Dermalpapille, die den Haarfollikel umschließt und das Wachstum des Haares reguliert (Abbildung 1, alles zum Wachstum des gesunden Haares siehe https://derma.plus/haare/gesunde-haare/). Auf diese Weise stimuliert Minoxidil das Haarwachstum also auch direkt.

Tabletten als Therapiealternative
In der Regel wird Minoxidil äußerlich (topisch) angewendet, also als Lösung, Spray oder Schaum direkt auf die vom Haarausfall betroffenen Hautbereiche aufgetragen. Die Nebenwirkungen sind hier gering, doch kann es vorübergehend zu verstärktem Haarausfall kommen. Auch ein unnatürlich starkes Haarwachstum, das ebenfalls die Körperhaare betreffen kann (Hypertrichose) ist möglich. Problematisch sind dagegen vor allem irritative (Austrocknen der Kopfhaut) und allergische Reaktionen in Form einer Kontaktallergie (auch Kontaktdermatitis), die sich allerdings meist nicht gegen den Wirkstoff selbst, sondern andere in der Formulierung enthaltene Substanzen richten (etwa Propylenglykol).
In manchen Fällen ist ein Einsatz des topischen Minoxidil-Präparats allerdings nicht erwünscht oder möglich, etwa wenn eine Entzündung der Kopfhaut vorliegt. Eine Alternative kann dann die orale Einnahme in Tablettenform sein. Beim Einsatz als Blutdrucksenker hat das Medikament zwar eine Reihe von Nebenwirkungen. Diese sind bei einer oralen Therapie gegen Haarausfall jedoch geringer, da hier nur sehr geringe Wirkstoffdosen von 0,25 bis 5 mg eingesetzt werden. Allerdings muss zum jetzigen Zeitpunkt darauf hingewiesen werden, dass die orale Verordnung von Minoxidil zulassungsüberschreitend (off-label) erfolgt.
Mehrstufige Befragung von Experten
Für diese Therapieoption mit oralem, niedrig dosiertem Minoxidil – oft als LDOM (off-label use of low-dose oral minoxidil) abgekürzt – gibt es allerdings nur wenige klinische Studien und Erfahrungswerte. Aus diesem Grund hat nun eine Gruppe US-amerikanischer Dermatologen ein Expertengremium einberufen, um einen Katalog von Empfehlungen zu erarbeiten [2]. Dazu wurde zuerst auf Basis der aktuellen Literatur ein Katalog von „Interessensschwerpunkten“ erarbeitet, die dann in mehreren Runden von 43 Dermatologinnen und Dermatologen aus 12 Ländern diskutiert wurden. Diese Hautärzte arbeiteten in der Forschung, in Krankenhäusern, waren niedergelassene Ärzte oder im Gesundheitswesen tätig.
Das durchgeführte mehrstufige Befragungsverfahren ist als Delphi-Prozess bekannt. Es führt Expertenwissen anonym zusammen, mit dem Ziel einen Konsens zu bestimmten Fragen zu finden. Der Prozess wird iterativ durchgeführt und vermeidet die Nachteile eine offenen Gruppendiskussion. Im ersten Schritt füllen die Experten anonym einen Fragebogen aus, der dann von den Studienautoren ausgewertet wird. Die Experten erhalten daraufhin die Auswertung der gesamten Gruppen und müssen ihre Einschätzung in einer zweiten Runde begründen, sofern sie stark vom Durchschnitt abweichen. Der Prozess endet, wenn ein Konsens erreicht ist oder sich die Antworten nicht mehr ändern.
Einsatzfähig bei vielen Formen des Haarausfalls
Fast alle der befragten Mediziner hatten Erfahrung mit der Behandlung von Erwachsenen mit Haarausfall, immerhin noch über die Hälfte auch mit der Behandlung von Heranwachsenden. Dagegen kannten sich weniger als 40 Prozent mit der Behandlung von Kindern aus. Aus diesem Grund konnten sich die Experten zwar darauf einigen, dass LDOM für die Behandlung von Erwachsenden und Jugendlichen hilfreich ist, erzielten aber keinen Konsens in Bezug auf die Behandlung von Kindern.
Weiterhin einigten sich die Experten darauf, welche Krankheiten mit LDOM behandelt werden können. Dazu gehören die androgenetische Alopezie, der altersbedingte Haarausfall, der kreisrunde Haarausfall, das telogene Effluvium, die Traktionsalopezie und der Therapie-bedingte Haarausfall. Bei weiteren Formen von Haarausfall, etwa bei vernarbenden Formen wie der frontal fibrosierenden Alopezie könne LDOM zumindest eine Unterstützung im Therapiemanagement sein. Die orale Therapie kann erwogen werden, wenn die topische Therapie nicht ausreichend wirksam, teurer, unpraktikabler oder für den Patienten unangenehm ist. Sinnvoll ist sie auch, wenn eine Hypertrichose erwünscht ist, was laut dem Expertengremium bei Transgender-Frauen vorkommen kann.
Entscheidungshilfe für behandelnde Ärzte
Zudem erarbeiteten die Experten Bedingungen, unter denen LDOM nicht oder nur unter größter Vorsicht eingesetzt werden sollte. Hierzu zählen vor allem verschiedene Herz- und Kreislauferkrankungen sowie Nierenerkrankungen. Keine Einigung wurde bei der Frage erzielt, ob LDOM angewendet werden darf, wenn nach topischer Anwendung eine Kontaktallergie aufgetreten ist. Hoffnung machen hier allerdings neun dokumentierte Fälle, in denen dies erfolgreich und ohne Komplikationen geschehen ist. Die Dosierung von Minoxidil soll sich am Geschlecht, Alter und Risiko für systemische Nebenwirkungen orientieren sowie an der Frage, ob eine Hypertrichose erwünscht ist.
Mit dem Expertenkonsens verbessert sich nun die Wissensbasis für alle Hautärzte, die niedrig dosiertes, orales Minoxidil zur Behandlung von Haarausfall einsetzen wollen. Allerdings gibt es weitere offene Fragen, die das Gremium nicht angesprochen hat. Dazu gehören der Wirksamkeitsvergleich zwischen topischer und oraler Anwendung, die Langzeitsicherheit von LDOM sowie die Anwendung anderer zulassungsübergreifender Formen der Minoxidil-Therapie. Es gibt also weiteren Studien- und Diskussionsbedarf.
[1] N. Choi et al., Minoxidil promotes hair growth through stimulation of growth factor release from adipose-drived stem cells. Int. J. Mol. Sci. 2018, 19, 691, doi:10.3390/ijms19030691.
[2] Y. M. Akiska et al., Low-dose oral minoxidil initiation for patients with hair loss: An international modified Delphi consensus statement. JAMA Dermatol. 2025, 16, 87, doi: 10.1001/jajdermatol.2024.4593.