Androgenetischer Haarausfall: Post-Finasterid-Syndrom | derma.plus

Studie – Post-Finasterid-Syndrom nach Behandlung des androgenetischen Haarausfalls

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Nebenwirkung auch nach Behandlungsabbruch: Das Post-Finasterid-Syndrom

Ein Beitrag von Frau Dr. rer. nat. Larissa Tetsch

Finasterid ist das Mittel der Wahl zur Behandlung des androgenetischen Haarausfalls. Der Wirkstoff unterdrückt die Bildung des Hormons Dihydrotestosteron, das unter anderem das Haarwachstum reguliert. Häufige Nebenwirkungen sind Störungen der Sexualfunktion sowie Depressionen. Beim Post-Finasterid-Syndrom bleiben diese Nebenwirkungen auch nach einem Therapieabbruch bestehen. Seine Behandlung ist schwierig und beschränkt sich meist auf die Gabe von Antidepressiva.

 

Die androgenetische Alopezie ist die häufigste Form von Haarausfall und führt zu einem dauerhaften Haarverlust. Die Bezeichnung „androgenetisch“ deutet auf eine Beteiligung der männlichen Geschlechts­hormone (Androgene) am Krankheitsgeschehen hin. So reagiert bei Menschen mit androgenetischem Haarausfall der Haarfollikel an bestimmten Stellen der Kopfhaut empfindlich auf das männliche Geschlechtshormon Dihydrotestosteron, wodurch sich die Wachstumsphase des Haares verkürzt. Dihydrotestosteron entsteht durch die Umwandlung von Testosteron durch das Enzym 5α-Reduktase (Abb. 1). Das Hormon ist wichtig für die Entwicklung des männlichen Embryos, die Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale in der Pubertät sowie die Sexualfunktion.

Haarausfall androgenetische Alopezie post finasterid syndrom

Abb. 1: Testosteron wird durch das Enzym 5α-Reduktase zu Dihydrotestosteron umgewandelt. Dieses Hormon ist wichtig für die Entwicklung des männlichen Embryos, die Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale sowie für die Sexualfunktion. Gleichzeitig reguliert es aber auch das Haarwachstum und kann Haarausfall verursachen, wenn die Haarfollikel empfindlich reagieren. Finasterid hemmt die 5α-Reduktase, und verlängert dadurch die Wachstumsphase der entsprechenden Haare.

 

Finasterid unterdrückt Umwandlung von Testosteron

Grundsätzlich nimmt der androgenetische Haarausfall mit dem Alter zu, doch können auch junge Männer betroffen sein. Gerade bei ihnen ist der Leidensdruck oft sehr hoch. Die orale Behandlung mit Finasterid in der Dosierung von 1 mg / Tag ist ab dem 18. Lebensjahr eine zugelassene und wirksame Therapie. Finasterid weist eine strukturelle Ähnlichkeit zu Testosteron auf und bindet deshalb wie dieses Hormon an die 5α-Reduktase bindet. Dadurch entsteht ein stabiler Komplex, der verhindert, dass das Enzym seine eigentliche Aufgabe erfüllen kann: Testosteron binden und in Dihydrotestosteron umwandeln. Auf diese Weise entsteht bis zu 80 Prozent weniger dieses Hormons. Bei Männern mit androgenetischer Alopezie verlängert Finasterid die verkürzte Wachstumsphase des Haares und verlangsamt so den Haarausfall. Außerdem wird der Wirkstoff zur Behandlung einer gutartigen Prostatavergrößerung (benigne Prostatahyperplasie) eingesetzt. Ein Vorteil ist, dass Finasterid nicht an den Androgenrezeptor, der Androgene wie Testosteron erkennt, bindet und deshalb selbst keine Hormonwirkung ausübt. Die 5α-Reduktase wird durch Finasterid dauerhaft gehemmt, d. h. nach dem Absetzen des Wirkstoffs steigt die Menge an Dihydrotestosteron im Blut erst wieder an, wenn der Körper neues Enzym gebildet hat. Dies dauert etwa zwei Wochen. In der Regel kehren dann auch die Symptome zurück, so dass die Therapie lebenslang erfolgen muss.

Schwere Nebenwirkungen möglich

Die Einnahme von Finasterid kann verschiedene Nebenwirkungen wie sexuelle Dysfunktion und Depressionen auslösen. Zum einen verschiebt die fehlende Umwandlung von Testosteron zu Dihydrotestosteron das Hormongleichgewicht zugunsten der weiblichen Geschlechtshormone. Dadurch kann es zur Ausprägung einer Männerbrust kommen, und das Risiko für Brustkrebs bei Männern steigt an. Eine Hemmung der 5α-Reduktase-Aktivität blockiert außerdem die Umwandlung verschiedener aktivierend wirkender Steroide in dämpfend wirkende neuroaktive Substanzen wie das beruhigende, antidepressive und angstlösende Steroid Allopregnanolon. Meistens verschwinden die Nebenwirkungen nach dem Absetzen des Medikaments, sobald Dihydrotestosteron wieder nachgebildet wird. Bei einem Teil der Patienten entwickelt sich allerdings ein Post-Finasterid-Syndrom, bei dem die Symptome über den Therapieabbruch hinaus bestehen bleiben.

 

Zwei Prozent der Behandelten entwickeln Post-Finasterid-Syndrom

Haarausfall androgenetische Alopezie post finasterid syndrom

Abb 2: In der Studie entwickelten 15% der Behandelten sexuelle Dysfunktionen als Nebenwirkung. In der mit einem Placebo behandelten Gruppe traten diese Nebenwirkungen nur bei 7% auf. Von den mit Finasterid Behandelten brachen 4% die Studie aufgrund der Nebenwirkungen ab. Bei immerhin der Hälfte von diesen blieben die Nebenwirkungen dennoch bestehen.

In einer Doppelblindstudie mit 3040 Männern, die eine gutartige Vergrößerung der Prostata aufwiesen und mit 5 mg Finasterid täglich behandelt wurden, litten mit 15 Prozent doppelt so viele Patienten an sexueller Dysfunktion wie in der Placebogruppe (Abb. 2). Zwar beendeten nur vier Prozent der behandelten Männer die Therapie aufgrund dieser Nebenwirkungen, aber bei der Hälfte von ihnen entwickelte sich ein Post-Finasterid-Syndrom. Bei einem 24-jährigen Mann, der gegen Haarausfall mit Finasterid behandelt wurde und der die Therapie aufgrund schwerer Depressionen und Störungen der Sexualfunktion nach einem Monat absetzte, blieben die Nebenwirkungen für elf Jahre bestehen. Ähnlich persistierende Symptome wurden bei 577 von 4910 jungen Männern dokumentiert, die unter Nebenwirkungen einer Finasterid-Behandlung litten. Bei 34 dieser Patienten führte dies zu Suizidgedanken.

 

Familiäre Veranlagung erhöht das Risiko

Verschiedene Faktoren können die Ausbildung des Post-Finasterid-Syndroms begünstigen. Zum einen tritt dieses eher auf, wenn Patienten im Vorfeld über diese Möglichkeit informiert werden (Nocebo-Effekt). Außerdem scheinen Patienten mit einer Vorgeschichte von psychischen Erkrankungen ein höheres Risiko aufzuweisen. Eine Rolle spielen auch Varianten des Androgenrezeptors. Eine dieser Varianten erhöht das Risiko an einer androgenetischen Alopezie zu erkranken um das 3,5-fache sowie das Risiko ein Post-Finasterid-Syndrom zu entwickeln um das 6-fache. Gründe für die dauerhafte Hemmung der Dihydrotestosteronproduktion über das Absetzen von Finasterid hinaus können bislang nur vermutet werden. Möglich ist, dass Antikörper gegen den Enzym-Wirkstoff-Komplex gebildet werden, die auch das nicht durch Finasterid gebundene Enzym erkennen und unwirksam machen. Zudem scheinen epigenetische Mechanismen eine Rolle zu spielen.

 

Antidepressiva können helfen

Die Behandlung des Post-Finasterid-Syndroms ist schwierig. Bei Männern mit Testosteronmangel kann eine hormonelle Behandlung helfen, die allerdings bei einer inaktiven 5α-Reduktase kaum Erfolg versprechen kann. Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer wie Fluoxetin wirken antidepressiv, können aber ebenfalls die Sexualfunktion beeinträchtigen. Andere Antidepressiva wie Noradrenalin­wieder­aufnahmehemmer (Reboxetin) oder dopaminerge Agonisten (Bupropion) scheinen deshalb zur Therapie des Post-Finasterid-Syndroms besser geeignet. Auch angstlösende Benzodiazepine und der Serotoninagonist Buspiron kommen dazu in Frage. In zwei Placebo-kontrollierten Studien mit älteren Männern mit verringertem Testosteronspiegel half ein über die Haut aufgetragenes Gel mit Dihydrotestosteron gegen Erektionsstörungen. Ob diese Behandlung auch bei einem Post-Finasterid-Syndrom wirkt, ohne gleichzeitig das anfängliche Problem des Haarausfalls zu verstärken, muss sich zukünftig zeigen.

 

Bei der Verordnung von Finasterid zur Behandlung der androgenetischen Alopezie ist auf das Auftreten eines Post-Finasterid-Syndrom unbedingt hinzuweisen. Die Einnahme ist nur vom 18. bis 41. Lebensjahr zugelassen.

 

Literatur


 

Letzte Aktualisierung am 15.12.2018