Primärprävention der Atopischen Dermatitis | derma.plus

Primärprävention der Atopischen Dermatitis

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19. April 2020

Primärprävention der Atopischen Dermatitis – Stellenwert der Basispflege

Basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen der pathogenetischen Bedeutung eines Defektes der Hautbarriere für die Manifestation der atopischen Dermatitis (AD) konnte 2014 in zwei Pilotstudien das Auftreten einer AD bei etwa der Hälfte der teilnehmenden Säuglinge verhindert werden, indem diese täglich mit einem Basistherapeutikums mit Beginn innerhalb der ersten Lebenswochen eingecremt wurden. Eine aktuelle größer angelegte Studie konnte jedoch diese Daten nicht bestätigen.
Die Hautbarriere ist von zentraler Bedeutung bei der AD. Am Anfang der Krankheit steht in der Regel ein Defekt der Hautbarriere, der zu einem Flüssigkeitsverlust in der Haut führt. Zusätzlich geht man heute davon aus, dass die gestörte Hautbarriere, pathophysiologisch durch einen erhöhten transepidermalen Wasserverlust charakterisiert, das Eindringen von Allergenen aus der Umwelt ermöglicht.

 

Studie mit über 2000 Neugeborenen soll Klarheit zum Stellenwert der Basistherapie als primärpräventiver Ansatz bei der AD bringen

Präventive Maßnahmen greifen in erster Linie an der Hautbarriere an. Im Jahr 2014 wurden zwei Pilotstudien veröffentlicht, an denen 124 US-amerikanische und britische [1] bzw. 118 japanische Kinder [2] aus Risikofamilien teilgenommen hatten. Die Hälfte der Kinder war in den ersten Lebensmonaten täglich mit einer Feuchtigkeitscreme eingecremt worden. Im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne eine regelmäßige Hautpflege erkrankten im Studienzeitraum zwischen 30-50% weniger der regelmäßig eingecremten Kinder an einer AD.

Die großangelegte Studie PreventADALL (Preventing atopic dermatitis and allergies in childhood) nährt jetzt allerdings Zweifel an der Wirksamkeit dieser Präventivmaßnahme [3]. Ziel der Studie war es herauszufinden, ob regelmäßige Hautpflege und frühes Einführen von häufigen Lebensmittelallergen dabei helfen, das Risiko für AD und Lebensmittelallergien zu reduzieren. Die Studie wurde an zwei Krankenhäusern der norwegischen Hauptstadt Oslo und einem weiteren Krankenhaus in Stockholm (Schweden) durchgeführt. Bereits während der Schwangerschaft wurden insgesamt 2697 Frauen zur Teilnahme eingeladen. Am Ende wurden 2397 neugeborene Kinder gleichmäßig und zufallsgesteuert auf vier Studiengruppen verteilt.

 

Hautbarriere stärken und Immunsystem trainieren

In der Kontrollgruppe wurden die Eltern gebeten, sich an die allgemeinen Richtlinien zur Hautpflege und zur Ernährung von Säuglingen zu halten. Dazu gehörte insbesondere, sechs Monate ausschließlich zu stillen oder Säuglingsmilch zu füttern.

In der zweiten Gruppe sollten die Säuglinge in den ersten acht Monaten mindestens viermal pro Woche für 5-10 Minuten gebadet werden. Dafür wurde ein speziell für die Studie hergestelltes, rückfettendes Badeöl zur Verfügung gestellt. Nach dem Baden sollte außerdem das Gesicht des Kindes eingecremt werden.

In der dritten Gruppe wurden die Säuglinge ab einem Alter von zwölf Wochen gezielt in Kontakt mit typischen Nahrungsmittelallergenen gebracht, die über vier Wochen stufenweise eingeführt wurden. Die entsprechenden Nahrungsmittel – Erdnussbutter, Kuhmilch, Weizenbrei und Hühnerei – sollten die Kinder mindestens bis zu einem Alter von sechs Monaten viermal in der Woche zu sich nehmen.

In der vierten Gruppe wurden die Maßnahmen zur Hautpflege und Ernährung aus Gruppe 2 und 3 kombiniert. Die Eltern mussten ihr Verhalten genau protokollieren. Nach dem ersten Geburtstag wurden alle Kinder daraufhin untersucht, ob sie eine AD entwickelt hatten. Nach dem dritten Geburtstag der Kinder ist die Abfrage von Lebensmittelallergien geplant.

 

Hautpflege zeigte keinen Schutzeffekt

Prävention atopische Dermatitis Neurodermitis bei Kindern

Abb.: Prävention der atopischen Dermatitis durch regelmäßige Ölbäder. Pro Gruppe erhielten rund 600 Kinder entweder keine spezielle Behandlung (Gruppe 1), regelmäßige Hautpflege in Form von Ölbädern (Gruppe 2 und 4) oder frühen Kontakt zu Lebensmittelallergenen, um das Immunsystem zu trainieren (Gruppe 3 und 4). Nach dem ersten Geburtstag wurde untersucht, ob die Kinder eine atopische Dermatitis entwickelt hatten. Lediglich in der Gruppe, die eine Kombination aus beiden Maßnahmen erhalten hatten, zeigte sich eine leicht Reduktion der Fallzahlen.

Die jetzt vorgestellten ersten Ergebnisse der Studie lieferten keinen Hinweis darauf, dass eine frühe Stärkung der Hautbarriere vor AD schützt (Abbildung): Während in der Kontrollgruppe und in Gruppe 3, in der die Kinder keine spezielle Hautpflege erhalten hatten, 8% bzw. 9% der Kinder unter einer AD litten, waren es in Gruppe 2 mit regelmäßigem Bad sogar 11%. Lediglich in der Gruppe mit einer Kombination der Maßnahmen zeigte sich mit 5% eine leichte Reduktion der Fälle von AD im Vergleich zu den anderen Gruppen. Inwieweit dieses Ergebnis Relevanz hat, wird sich jedoch erst zeigen, wenn auch die Daten zu den Lebensmittelallergien ausgewertet sind.

Kritische Wertung

Wieso die Ergebnisse von PreventADALL in einem so starken Widerspruch zu den beiden vorangegangenen und voneinander unabhängigen Pilotstudien stehen, bleibt vorerst unklar. Ein Grund könnte sein, dass in die Pilotstudien ausschließlich Kinder einbezogen worden waren, bei denen bereits Elternteile oder Geschwister an AD litten und die somit ein höheres Krankheitsrisiko aufwiesen.

Ist Eincremen effektiver als ein Badezusatz?

Die unterschiedlichen Pflegemaßnahmen könnten ebenfalls zu Diskrepanzen zwischen den Studien führen. So wurden die Kinder in den Pilotstudien täglich mit einer Feuchtigkeitscreme am ganzen Körper eingecremt, was die Hautbarriere möglicherweise besser schützt als ein Bad mit Ölzusatz. Hinzu kommt, dass sich in der Hautpflegegruppe der PreventADALL-Studie nur 27% der Eltern streng an das Protokoll gehalten hatten. Andererseits wurden die Kinder aber länger beobachtet als in den Pilotstudien.

Unterstützung bekommt PreventADALL allerdings von der in der gleichen Ausgabe des renommierten Fachmagazins Lancet veröffentlichten BEEP-(barrier enhancement for eczema prevention)-Studie, die bei 1394 Hochrisiko-Kindern keinen Effekt eines täglichen Eincremens auf die Häufigkeit der AD zeigen konnte [4]. Die Autoren der PreventADALL-Studie ziehen aus ihren Ergebnissen den Schluss, dass die tägliche Hautpflege bei Säuglingen zur Prävention der AD nicht empfohlen werden kann. Nicht untersucht wurde jedoch, ob die Hautpflege das Wohlbefinden der Kinder gefördert hat, etwa durch eine Minderung von Hauttrockenheit und Juckreiz.

 

Bedeutung der Studienergebnisse für die tägliche Praxis

Hautgesunder Säuglinge werden entsprechend den Richtlinien zur Säuglingspflege gebadet und eingecremt. Säuglinge mit sebostatischer Haut werden regelmäßig eingecremt. Bei Vorliegen von Ekzemen erfolgt eine konsequente Basistherapie in Kombination mit antientzündlichen Therapiemaßnahmen.

Literatur


 

Letzte Aktualisierung am 19.05.2020