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Wieso die Haare dünner werden

Ein Beitrag von Frau Dr. rer. nat. Larissa Tetsch

Haare wachsen zyklisch: nach einer mehrjährigen Wachstumsphase ruht der Haarfollikel und das Haar fällt aus, bevor ein neues gebildet wird. Beim erblich bedingten androgenetischen Haarausfall wird unter dem Einfluss männlicher Geschlechtshormone die Wachstumsphase der Haare verkürzt, wodurch sich diese in Flaumhaare umwandeln und schließlich ausfallen. Bei diesem Prozess spielen Taktgeberzellen in der Dermalpapille eine wichtige Rolle, die den Lebenszyklus des Haares steuern, ebenso wie der Haarbalgmuskel, dessen Verbindung zum Haarfollikel dessen Regenerationsfähigkeit anzeigt.

Ein erwachsener Mensch besitzt etwa 5 Millionen Haaranlagen, wobei sich ein Fünftel davon auf Kopf und Gesicht verteilen. Während der größte Teil der Haut mit dünnem Flaumhaar (Vellushaar) bedeckt ist, wachsen auf der Kopfhaut gut sichtbare, dicke Terminalhaare. Im Alter bilden sich diese oft wieder in Flaumhaare um, was eine Vorstufe zum Haarausfall darstellt. Haare wachsen zyklisch mit einem Wechsel zwischen einer mehrjährigen Wachstumsphase und einer kürzeren Ruhephase. Nach dieser Erholungsphase beginnt der Aufbau eines neuen Haares, und das alte Haar fällt aus. An der Basis des Haarfollikels, der sackartig die Haarwurzel umschließt, liegt die Dermalpapille, die eine wichtige Rolle bei der Steuerung des Haarwachstums spielt (Abb. 1).

Oberhalb davon, als Teil des Follikels, befindet sich die Wachstumszone des Haares, die Matrix. Die hier gebildeten Zellen werden nach oben abgegeben, verhornen dabei und sterben ab. Auf der Kopfhaut sind typischerweise mehrere Haarfollikel in sogenannten Follikeleinheiten zusammengefasst, die einen Primärfollikel und mehrere Sekundärfollikel enthalten. Jede Einheit besitzt eine gemeinsame Talgdrüse und einen Haarbalgmuskel (Musculus arrector pili), der das Haar aufrichtet und damit der Thermoregulation dient.

 

Haarausfall kann viele Formen annehmen

Neben dem normalen Haarausfall, der bei bis zu 100 Haaren am Tag liegt, gibt es verschiedene krankhafte Formen. Man spricht von Effluvium bei vermehrtem Haarausfall, der aber nicht zu einer sichtbaren Lichtung des Kopfhaares, einer sogenannten Alopezie, führen muss. Vor allem bei Frauen tritt häufig diffuser Haarausfall auf (telogenes Effluvium), wovon der gesamte Kopfbereich ohne bestimmtes Muster betroffen sein kann. Der diffuse Haarausfall ist gekennzeichnet durch ein frühzeitiges Eintreten der Haarfollikel in die Ruhephase (telogene Phase). Ursachen hierfür sind beispielsweise Hormonschwankungen, Schilddrüsenerkrankungen, Eisenmangel, Infektionen, Stress oder Mangelernährung. Beim kreisrunden Haarausfall (Alopecia areata) können sehr plötzlich an einem begrenzten Areal so viele Haare ausfallen, dass ein rundes bis ovales Stück Kopfhaut freiliegt. Die Ursache dieser Form des Haarausfalls, die oft bei Kindern und jungen Menschen auftritt, scheint eine Entzündung der Haarfollikel zu sein, die sich auf einen fehlgeleiteten Angriff der Immunabwehr zurückführen lässt. Der kreisrunde Haarausfall ist in der Regel vorübergehend, die Haarfollikel erholen sich und die Haare wachsen nach.
Im Gegensatz dazu kommt es beim androgenetischen Haarausfall (Alopecia androgenetica), der mit dem Alter zunimmt und den häufigsten Grund für die Entstehung einer Glatze darstellt, zu einem dauerhaften Haarverlust. Die Bezeichnung „androgenetisch“ deutet auf eine Beteiligung männlicher Geschlechtshormone (Androgene) hin. Am Grunde der Haarwurzel, in der Dermalpapille, befinden sich Taktgeberzellen, die durch die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren die Dauer von Wachstums- und Ruhephase und damit die Geschwindigkeit des Lebenszyklus des Haarfollikels bestimmen. Dies geschieht durch die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren. Geschlechtshormone, die mit dem Blut in die Papille gelangen, können auf diese Taktgeberzellen und deren Produktion von Wachstumsfaktoren Einfluss nehmen. Sind die Taktgeberzellen ungewöhnlich empfänglich für die Wirkung der Hormone, verkürzt sich der Lebenszyklus des Haares; diese bleiben dünner und wandeln sich letztlich in Flaumhaare um.

 

Die Papille reagiert auf männliche Geschlechtshormone

Androgenetischer Haarausfall tritt bei 80% aller Männer auf und beginnt in der Regel durch das Zurücktreten der Stirn-Haar-Grenze an den Schläfen mit der Ausbildung von „Geheimratsecken“. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer zunehmenden Haarlichtung in der Scheitelregion (Tonsurbereich). Wegen des erblichen Hintergrunds tritt diese Form des Haarausfalls nicht selten familiär gehäuft auf und findet sich auch bei Frauen, hier in der Regel nach den Wechseljahren. Der Verlauf des Haarausfalls weicht von dem der Männer ab. Er beginnt nicht im Schläfen- und Tonsurbereich, sondern setzt im Bereich des Mittelscheitels ein. Geheimratsecken bilden sich bei 98,6% der Männer und 64,4% der Frauen, während der Haaransatz bei zwei Dritteln der Frauen und bei drei Vierteln der Männer im Alter von über 80 Jahren zurückgeht.
Ursache ist eine Überempfindlichkeit der Haarfollikel in bestimmten Bereichen der Kopfhaut gegen das männliche Geschlechtshormon Dihydrotestosteron. Dieses entsteht durch die Umwandlung von Testosteron durch das Enzym 5α-Reduktase und ist wichtig für die Entwicklung des männlichen Embryos und später in der Pubertät für die Entwicklung zum Mann. Dihydrotestosteron bindet an Androgenrezeptoren der Taktgeberzellen in der Dermalpapille und löst damit die Umwandlung der Terminalhaare in Flaumhaare um, während die Anzahl der Haarfollikel gleich bleibt. Die Dermalpapille hat folglich eine Schlüsselstellung bei der Entstehung des androgenetischen Haarausfalls. Sie bildet zusammen mit einer Bindegewebsschicht um den Follikel eine funktionelle Einheit, welche vor allem bei den Übergängen zwischen Wachstums- und Ruhephase des Haares eine Rolle spielt (Abb. 1). Die Bindegewebsschicht enthält teilungsfähige Vorläuferzellen, die normalerweise die Dermalpapille regenerieren, und vor allem am Beginn einer neuen Wachstumsphase in die Dermalpapille einwandern. Sind die Papillen für den Einfluss von Dihydrotestosteron ausreichend empfänglich, so wird die Produktion eines Wachstumsfaktors ausgelöst, der die Ruhephase des Follikels einleitet. Gleichzeitig wird wohl die Interaktion der Dermalpapille mit der Bindegewebsschicht gestört, wobei man die genauen Abläufe noch nicht kennt. Bleibt die Regeneration der Papille in Folge der hormonellen Einwirkung aus, so schrumpfen Papille und Follikel und die Haare werden dünner – sie miniaturisieren.

 

Die Verbindung zum Haarbalgmuskel ist entscheidend

Die Vorläuferzellen aus der äußeren Gewebsschicht scheinen auch für die Bildung des Haarbalgmuskels wichtig zu sein. Dies könnte erklären, warum die Funktionsfähigkeit dieses Muskels und die Unumkehrbarkeit de Haarausfalls mit einander verknüpft zu sein scheinen. In den Follikeleinheiten teilen sich mehrere Follikel einen Haarbalgmuskel (Abb. 2).

Dieser ist über einzelne Fasern mit jedem der Follikel verbunden, am stärksten aber mit dem Primärfollikel. Dies passt zu der Beobachtung, dass die Sekundärfollikel eine größere Empfindlichkeit gegenüber männlichen Geschlechtshormonen aufweisen und schneller miniaturisieren als die Primärfollikel. Es scheint, dass die Stärke der Assoziation mit dem Haarbalgmuskel und die Anfälligkeit für die Miniaturisierung korrelieren. Entweder löst der Verlust zum Muskel die Miniaturisierung aus, oder die Vorläuferzellen aus der äußeren Gewebsschicht sind gleichzeitig für die Regeneration der Papille und für die Bildung des Haarbalgmuskels wichtig. In diesem Fall würde der Verlust der Vorläuferzellen gleichzeitig für eine Miniaturisierung und eine Ablösung des Muskels sorgen.
In einem frühen Stadium des androgenetischen Haarausfalls nimmt die Haardichte zuerst dadurch ab, dass die Sekundärfollikel miniaturisieren. Später miniaturisieren auch die Primärhaare und es entstehen sichtbar kahle Stellen. Wenn dann die Verbindung der Haarfollikel zum Haarbalgmuskel verloren geht, wird der Haarverlust unumkehrbar. Eine intakte Verbindung zum Muskel scheint dagegen eine Umkehrbarkeit des Haarausfalls wie beim kreisrunden Haarausfall anzuzeigen. Hier miniaturisieren Primär- und Sekundärhaare gleichzeitig, haben aber das Potenzial, wieder nachzuwachsen.

 

Haarausfall ist nicht nur ein Problem für Männer

Auch bei Frauen kann ein androgenetischer Haarausfall vorliegen, der durch eine Verschiebung von Terminal- zu Flaumhaaren charakterisiert ist und altersabhängig zunimmt. So sind im Alter zwischen 70 und 89 Jahren rund ein Drittel der kaukasischen Frauen betroffen. Der Haarausfall erfolgt dabei nach einem konservierten Muster und erfolgt hauptsächlich im Stirn- und Scheitelbereich. Allerdings wird der Begriff androgenetischer Haarausfall bei Frauen inzwischen lieber vermieden, weil eine hormonelle Beteiligung nicht immer nachweisbar ist und nur ein Teil der betroffenen Frauen einen Überschuss an männlichen Hormonen aufweist. Frauen mit einem Überschuss an Androgenen erkranken oft frühzeitig an Haarausfall, während das vermehrte Auftreten nach der Menopause auf eine Schutzwirkung von Östrogen hindeutet. Ein hoher Gehalt an Eiweißen, die männliche Geschlechtshormone binden und dadurch inaktivieren, scheint ebenfalls vor Haarausfall zu schützen. Der Haarausfall hat bei Frauen oft besonders starke psychosoziale Effekte wie einen negativen Einfluss auf das Körpergefühl und die Selbstwahrnehmung – ersichtlich daran, dass Frauen oft das Ausmaß des Haarausfalls viel stärker einschätzen als es die untersuchenden Ärzte tun – und verringert oft die Lebensqualität.

 

Volkskrankheit Haarausfall?
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Literatur


 

 

Letzte Aktualisierung am 22.09.2016