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Können wir der Entstehung von Allergien bald vorbeugen?

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Aktueller Wissensstand zur Prävention der allergischen Erkrankungen Neurodermitis, Heuschnupfen, Asthma und Lebensmittelallergie: Entstehung von Allergien verhindern

Ein Beitrag von Frau Dr. rer. nat. Larissa Tetsch

Allergien sind zum jetzigen Zeitpunkt weder heilbar, noch kann ihr Ausbruch bisher verhindert werden. Hielt man früher die Vermeidung des Allergenkontakts für das Mittel der Wahl, hat inzwischen ein Umdenken begonnen. Mehr und mehr zeichnet sich ab, dass der frühe Kontakt zu Allergenen sogar vor einer Allergie schützen kann. Drei einfache Strategien sollen in Zukunft der Entstehung von Allergien vorbeugen: früher Kontakt zu Bakterien, Stärkung der Hautbarriere und früher Kontakt zu Lebensmittelallergenen.

Allergische Krankheiten wie Heuschnupfen, allergisches Asthma, allergische Bindehautentzündung, Neurodermitis (atopische Dermatitis) und Lebensmittelallergien sind weltweit auf dem Vormarsch. Allen Erkrankungen ist gemein, dass auf den Kontakt mit an sich harmlosen Nahrungsmittel- und Umweltallergenen umgehend eine überzogene Immunreaktion ausgelöst wird. Die Veranlagung zu einer solchen Überreaktion bezeichnet man als Atopie, und davon Betroffene prägen oft mehrere der genannten Allergien aus. Vor allem als Folge von Neurodermitis kommt es häufig zu einer Sensibilisierung gegen Allergene, die über die geschädigte Haut eindringen. Dies kann zu zusätzlichen atopischen Ausprägungen wie Lebensmittelallergien, Asthma und Heuschnupfen führen, ein Phänomen, das man als atopischen oder allergischen Marsch bezeichnet.

Während bis zum Ende des 20. Jahrhunderts hauptsächlich allergische Atemwegserkrankungen und Neurodermitis zunahmen, ist heute vor allem der Anstieg an Lebensmittelallergien besorgniserregend. Auffällig ist, dass die Zunahme von Allergien in der westlichen Welt zeitlich mit einer Verbesserung der hygienischen Bedingungen zusammen fällt. Gleichzeitig wissen wir aufgrund epidemiologischer Studien, dass Kinder signifikant seltener an Heuschnupfen und Asthma erkranken, wenn sie auf Bauernhöfen aufwachsen und dort mit einer Vielzahl an Mikroben und Allergenen konfrontiert werden. Heute geht man davon aus, dass der frühe Kontakt mit verschiedenen Mikroorganismen das Immunsystem trainiert und eine Toleranz gegen Allergene entstehen lässt. Bleibt dieses Training aus, reagiert das Immunsystem auch auf an sich harmlose Substanzen mit einer überschießenden Reaktion.

Dennoch galt für allergiegefährdete Personen (z. B. solche, deren Eltern oder Geschwister bereits unter einer Allergie leiden) lange Zeit die Empfehlung, Allergene ganz zu vermeiden und bei Säuglingen potenziell allergieauslösende Lebensmittel wie Hühnereier oder Erdnüsse wegzulassen. Ungeachtet dieser Empfehlung nahm jedoch die Zahl an Allergikern weiter zu, und nicht zuletzt deshalb kommt es zurzeit zu einem Umdenken: statt die Allergene konsequent zu vermeiden, sollen Säuglinge frühzeitig mit Allergenen in Kontakt kommen, um eine Immuntoleranz zu entwickeln.

 

Drei Strategien zur Vermeidung von Allergien

Weiterhin das wirksamste Mittel zur Vorbeugung von allergischen Erkrankungen ist ausschließliches Stillen in den ersten 4-6 Lebensmonaten. Aus neuen Studien lassen sich jedoch drei weitere Strategien ableiten, die bei frühzeitiger Anwendung möglicherweise den Ausbruch einer Allergie verhindern können (Abb. 1 und 2):

  1. Kontakt zu erwünschten Bakterien
  2. Stärkung der Hautbarriere durch Eincremen
  3. Kontakt zu Lebensmittelallergenen

Kontakt zu erwünschten Bakterien

Der Kontakt zu Bakterien über die Haut oder die Atemwege im Kindesalter trainiert das Immunsystem und erzeugt eine Toleranz gegenüber Umweltallergenen. Auch die Mikroorganismen im menschlichen Darm, in ihrer Gesamtheit als Darmflora bezeichnet, haben einen großen Einfluss auf die Reifung des Immunsystems.

In Abhängigkeit von der Ernährung und den hygienischen Bedingungen erfolgt die Besiedlung des Darms nach der Geburt durch unterschiedliche Mikroben, was sich auf das Immunsystem auswirken kann. Die Darmflora lässt sich durch die Gabe von Pro- und Präbiotika, die die Ansiedlung und das Wachstum erwünschter Bakterien fördern, leicht beeinflussen. Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen wie Milchsäure- und Bifidobakterien (bekannt aus probiotischem Joghurt), die sich im Darm ansiedeln und sich dort in vielerlei Weise positiv auswirken. Präbiotika sind in der Regel Ballaststoffe wie Inulin, Oligofructose und Lactulose, die das Wachstum der erwünschten Darmbakterien fördern. Da die Bakterien in der Regel von der Mutter zum Kind weitergegeben werden, ist es sinnvoll, dass bereits Schwangere die entsprechenden Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. So schützte in einer finnischen Studie die Gabe von Probiotika an Schwangere und später an ihre Neugeborenen die Kinder bis zum Alter von vier Jahren wirksam vor der Entstehung von Neurodermitis.

Stärkung der Hautbarriere durch Eincremen verhindert Entstehung einer Allergie

Am Beginn einer Neurodermitis stehen meist Defekte in der Hautbarriere. Allergene können dann in tiefere Hautschichten eindringen und dort eine Sensibilisierung und überschießende Immunreaktionen auslösen.

Gelingt es die Hautbarriere – vorzugsweise direkt nach der Geburt – wiederherzustellen, sollte sich dieser Prozess aufhalten lassen. In zwei Studien geschah dies durch tägliches Eincremen von neugeborenen Säuglingen, die aufgrund ihrer familiären Vorbelastung als gefährdet eingestuft worden waren. Dazu wurde, je nach Studie für einen Zeitraum von entweder sechs Monaten oder 32 Wochen, eine wirkstofffreie Feuchtigkeitscreme verwendet. Zum Studienabschluss wurde die Reduktion des relativen Erkrankungsrisikos für Neurodermitis berechnet. Diese ergibt sich aus den prozentualen Anteilen der Erkrankten in der behandelten Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe. In beiden Studien erkrankten deutlich weniger eingecremte Kinder als solche der Kontrollgruppe. Die Reduktion des relativen Erkrankungsrisikos lag bei 50% in der einen und bei 32% in der anderen Studie, was bedeutet, dass die Hälfte bzw. ein Drittel der Kinder, die nach der Statistik hätten erkranken müssen, durch diese präventive Behandlung vor einem Ausbruch der Krankheit geschützt wurden. Zwar konnte bislang kein Einfluss auf die Allergensensibilisierung nachgewiesen werden, und die Beobachtungszeit der Kinder sollte bei künftigen Untersuchungen verlängert werden, aber die Studien zeigen dennoch eindrucksvoll, dass eine frühe Stärkung der Hautbarriere durch Feuchtigkeitscreme eine sichere, kostengünstige, einfach durchzuführende und effektive Maßnahme zur Prävention von Neurodermitis ist.

Entstehung von Allergien: Kontakt zu Lebensmittelallergenen meiden

Der Zeitpunkt des Erstkontakts zu den entsprechenden Allergenen ist entscheidend für die Entstehung von Lebensmittelallergien. In der westlichen Welt wurde lange Zeit empfohlen, Säuglinge mindestens sechs Monate lang ausschließlich zu stillen und die Einführung von potenziell allergieauslösenden Lebensmitteln möglichst lange zu vermeiden. Allerdings gibt es auch Anzeichen, dass ein früher Kontakt zu Lebensmittelallergenen vor der Entstehung von Allergien schützen kann (Abb. 1). So weisen israelische Kinder, die traditionell früh mit Erdnüssen in Berührung kommen, weniger Allergien gegen diese auf als jüdische Kinder, die in den USA aufwachsen und denen Erdnüsse lange vorenthalten werden. Um den Einfluss des Erstkontakts zu Lebensmittelallergenen zu untersuchen, wurden in einer britischen Studie 640 Hochrisikobabys mit bereits bestehender Hühnereiallergie und/oder einem allergisch bedingten Ekzem im Alter zwischen vier und elf Monaten regelmäßig mit Bestandteilen von Erdnüssen gefüttert und dann mit fünf Jahren erneut den Erdnussallergenen ausgesetzt. Von diesen Kindern hatten 3,2% eine Allergie entwickelt, während es in der Kontrollgruppe 17,2% waren. Das Risiko an einer Erdnussallergie zu erkranken, hatte sich folglich bei Kindern mit frühem Kontakt zu Erdnussallergenen um rund 80% verringert. Allerdings bleibt die Frage, wie gut sich diese an stark gefährdeten Kindern gewonnene Erkenntnis auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen lässt. Dennoch hat die Amerikanische Akademie für Allergie, Asthma und Immunologie die Studienergebnisse bereits in ihre neue Richtlinie für die Prävention von Allergien aufgenommen. Auch in einer australischen Studie entwickelten von Kindern, die im Alter von vier bis acht Monaten täglich mit Eipulver gefüttert worden waren, nur rund halb so viele eine Hühnereiallergie wie Kinder aus der Kontrollgruppe (5,2% zu 11,5%).

 

Vorbeugende Immuntherapien führen zu Immuntoleranz

Immuntherapien werden bei bestehenden Allergien zur Modulation des Immunsystems eingesetzt, was dessen Überreaktion mildern soll. Bei der spezifischen Immuntherapie, auch bekannt als Hyposensibilisierung, wird das allergieauslösende Allergen in steigender Dosis verabreicht, um eine Gewöhnung daran herbeizuführen. Vor allem bei Reaktionen gegen Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaaren und Insektengift wird sie erfolgreich durchgeführt. Zusätzlich zur Milderung der Symptome bereits bestehender Allergien, scheint die Immuntherapie auch Allergensensibilisierungen vorzubeugen und könnte somit bei Säuglingen zur Vorbeugung von Allergien zum Einsatz kommen. Voraussetzung dafür ist eine sichere und schmerzfreie Art der Allergenverabreichung, vorzugsweise eine Aufnahme über die Haut (z. B. mit einem Pflaster). Im Rahmen einer unspezifischen Immuntherapie könnte man mit Bestandteilen von Darmwürmern (Helminthen), die früher häufig Bestandteil der normalen Darmflora waren, regulatorische Zellen des Immunsystems beeinflussen. So hat im Zuge von Therapien, die gegen diese Würmer bei ugandischen Frauen durchgeführt worden sind, das Auftreten von Neurodermitis bei deren Kindern zugenommen. Zu dieser Beobachtung passt auch, dass Immunantworten, die durch Darmwürmer in trächtigen Mäusen ausgelöst wurden, den Mäusenachwuchs vor der Entstehung von allergischen Atemwegsinfektionen schützen.

 

Wie lassen sich allergische Atemwegserkrankungen verhindern?

Die Prävention von allergischem Asthma und Heuschnupfen scheint ungleich schwerer zu sein, als die von Neurodermitis und Lebensmittelallergien. Zwar könnte auch hier der frühe Kontakt zu bestimmten Mikroorganismen oder ihren Bestandteilen hilfreich sein, wie die geringe Anzahl allergischer Bauernkinder und die Experimente mit Darmwürmern bei Mäusen nahelegen. Doch bei der Auslösung allergischer Atemwegserkrankungen spielen zusätzlich Viren eine Rolle, sodass auch über eine antivirale Behandlung nachgedacht werden muss. Ein nächster Schritt ist nun, die diskutierten Präventionsstrategien miteinander zu kombinieren und auf das Gefährdungspotenzial des jeweiligen Patienten abzustimmen. Bestimmte Typen von Neurodermitis und Lebensmittelallergien könnten bald, wenn nicht geheilt, so doch bei konsequenter Durchführung der empfohlenen Maßnahmen wirksam verhindert werden. Im Zuge dessen könnte möglicherweise indirekt, durch ein Unterbrechen des atopischen Marschs, auch Asthma und Heuschnupfen vorgebeugt werden.

 

Konsequenz für die Praxis von Prof. Abeck

Die Vermeidung der Neurodermitis durch regelmäßiges Eincremen des Säuglings ist in allen Fällen einer familiären Belastung eine sinnvolle Empfehlung. Da in über 30% aller Neuerkrankungen an Neurodermitis eine familiäre Belastung fehlt, kann prinzipiell über eine regelmäßige Hautpflege für alle Säuglinge nachgedacht werden, obwohl hierzu keine Studien vorliegen. Hierdurch kann nicht nur eine häufig die gesamte Familie belastende Hauterkrankung verhindert werden, sondern eventuell auch weitere atopische Erkrankungen wie Asthma und Heuschnupfen. Die Pflege sollte mit einer Emulsion erfolgen, die frei ist von Farb- , Duft -und Konservierungsstoffen.

 

Literatur


 

Letzte Aktualisierung am 22.09.2016