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Hund/Katze/Maus: Wenn der Liebling zur Infektionsquelle wird

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Teil 1 – Die Pseudokrätze

Ein Beitrag von Tierärztin Alina Küper

Bello beißt der Floh, Miezie plagt der Bandwurm und das Meerschwein des Nachwuchses jucken die Milben. Beinahe jeder Tierhalter kennt die lästigen kleinen Parasiten, die den Vierbeiner nur allzu gerne quälen. Oft reicht allein der Gedanke an hüpfende Flöhe und auch die Haut beginnt zu kribbeln und zu jucken. Und gerade wenn neben den Tieren auch Kinder im Haushalt leben, drängt sich früher oder später die ernsthafte Frage auf, ob das tatsächlich nur Einbildung ist? Oder kann sich auch der Mensch mit den Lästlingen anstecken?

In Teil 1 unserer Journalreihe „Zoonosen“ klären wir für Sie die Frage, ob Stubentiger und Co. Überträger für die Krätze (Scabies) sein können.

 

Zoonosen: Wenn die Erreger untreu werden

In der Regel sind die meisten Erkrankungen, unter denen Tiere zu leiden haben, für den Menschen ungefährlich. Die Erreger sind meist so stark an „ihren“ Wirt angepasst, dass sie nicht in der Lage sind, bei einer anderen Tierart oder dem Menschen Symptome auszulösen. Es gibt jedoch eine Reihe von Erregern, die vom Tier auf den Menschen übersiedeln und mehr oder weniger starke Erkrankungen bedingen können.

Darunter fallen neben Bakterien, Viren und Pilzen auch eine Reihe von Parasiten. Besonders heimtückisch sind Krankheiten, die durch Tiere übertragen werden, ohne bei ihnen sichtbare Symptome auszulösen (stille Trägertiere). Wird der Mensch über den Kontakt mit dem Tier angesteckt, bricht die Krankheit jedoch aus. Beispiele für solche Infektionen sind das Hanta-Virus, das bei Ratten und Mäusen keine Krankheitssymtpome hervorruft, für den Menschen aber sehr gefährlich werden kann. Eine ausführliche Liste mit Zoonosen, die im europäischen Raum relevant sind, finden Sie hier.

 

Die Pseudokrätze: Täglich grüßt das Murmeltier

Alle Informationen zur Krätze des Menschen finden Sie hier in unserem Informationsartikel.

Die gehäuften Medienberichte der vergangenen Tage wecken den Anschein, dass die Krätze in Deutschland deutlich weiter verbreitet ist, als von vielen vermutet. Auch heute noch ist das Wissen um die Zusammenhänge dieser Erkrankung in der Bevölkerung vielfach mangelhaft. Betroffene schämen sich häufig, da „Krätze“ meist mit der Vorstellung von schlechten hygienischen Verhältnissen in Verbindung gebracht wird. Aus diesem Grund ist Krätze in der Gesellschaft immer noch ein Tabuthema, obwohl ein Befall mit den auslösenden Krätzmilben auch in hygienisch einwandfreien Haushalten möglich ist!

Krätze wird ausgelöst durch Milben, winzig kleine Parasiten aus der Klasse der Spinnenartigen. Die an den Menschen angepasste Milbe ist Sarcoptes scabiei (var. hominis).

Neben dieser „Menschen-Milbe“ gibt es auch im Tierreich eine Reihe von Milben, die bei Kontakt mit einem infizierten Tier auf den Menschen übergehen können. In der Regel sind die Milben relativ schlecht an den Menschen als Wirt angepasst, sodass die Symptome meist schwächer sind, als bei der „echten“ Krätze und häufig nach kurzer Zeit von selbst verschwinden. Aus diesem Grund spricht man auch von einer „Pseudo-Krätze“. Wenn der Befall des Tieres nicht erkannt und behandelt wird, kommt es bei den Kontaktpersonen in regelmäßigen Abständen zu einem Neuaufflammen der Symptome.

Bei Tieren gibt es generell drei Arten von Milben, die für eine Pseudokrätze beim Menschen verantwortlich sein können:

 

Räudemilben: Tierische Krätzmilben-Schwestern

Die Räude der Tiere wird, wie die Krätze des Menschen, durch unterschiedliche Vertreter der Grabmilben ausgelöst. Für die klassischen Räudemilben von Hund und Katze konnte nachgewiesen werden, dass es sich lediglich um ans Tier angepasste Varianten der menschlichen Krätzmilbe, Sarcoptes scabiei var. hominis (Lateinisch homo = Mensch) handelt. Entsprechend tragen sie die Bezeichnung Sarcoptes scabiei var. cati (Lateinisch: cato = Katze) und Sarcoptes scabiei var. cani (Lateinisch: canis = Hund).

Tabelle: Grabmilben und ihre Hauptwirte

MilbenartHauptwirt
Sarcoptes scabiei var. caniHund
Sarcoptes scabiei var. cati (auch: Notoedres cati)Katze
Sarcoptes scabiei var. equiPferd
Trixacarus diversusGoldhamster, Ratte
Trixacarus caviaeMeerschweinchen

Wie auch beim Menschen graben die weiblichen Milben für die Eiablage Gänge in die obere Hautschicht des Tieres und lösen dabei von extremem Juckreiz begleitete Hautsymptome aus. Unbehandelt führt ein Räudebefall bei Tieren in der Regel zu einem qualvollen Tod (insbesondere bei Straßenhunden zu beobachten).

Bei intensivem Hautkontakt zu einem betroffenen Tier kann es sein, dass die Milben auf den Menschen übergehen und auch hier mit der Eiablage beginnen. Es kommt zur Ausprägung der klassischen Krätzesymptome mit sichtbaren Hautveränderungen (Grabgänge, Pusteln/Knötchen, Rötung) und dem typischen Juckreiz, der insbesondere bei Wärme (bspw. unter der Bettdecke) unerträglich wird.

Da die Tiermilben nicht sonderlich gut an den Menschen als Wirt angepasst sind, sterben sie in der Regel nach kurzer Zeit ab, sodass die Symptome ohne weiteren Kontakt zu dem verursachenden Tier schnell von allein wieder verschwinden.

Bleibt das Tier jedoch unbehandelt und der Kontakt bestehen, kann es zu wiederkehrenden oder dauerhaften Symptomen kommen. Kommt es also bei Tierhaltern nach einer erfolgreich behandelten Krätze und dem konsequenten Beachten aller hygienischen Maßnahmen zu einem erneuten Auftreten der Krätzesymptome, sollte eine parasitologische Untersuchung und der Kontakttiere in Erwägung gezogen werden.

 

Cheyletiella: Heimliche Mitbewohner

Cheyletiella-Milben befallen den Menschen vergleichsweise häufig, jedoch bleiben mit großer Wahrscheinlichkeit zahlreiche Fälle in der Praxis unerkannt. Grund dafür ist, dass die Cheyletiellose als klassische „Tiererkrankung“ häufig nicht als mögliche Ursache bedacht und kaum getestet wird. So kann es zu Fehldiagnosen von Neurodermitis, psychogener Dermatitis, Mückenstichen o.ä. kommen, die jedoch auf die entsprechenden Behandlungen nicht ansprechen.

Cheyletiellen gehören zur Familie der Pelzmilben und sind im Fell von Haus- und Wildtieren zu finden. Haustiere mit langem Fell, die sich häufig im Freien bewegen, sind generell häufiger betroffen. In Kaninchenfell scheinen sich die Milben besonders wohl zu fühlen: Bei einer Untersuchung von Kaninchenhaltungen konnte ein Befall von bis zu 70% der Tiere ermittelt werden. Ist ein Tier des Haushaltes erst einmal befallen, kann aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr davon ausgegangen werden, dass nach kürzester Zeit alle Tiere Milbenträger sind.

Tabelle: Cheylettiellen und ihre Hauptwirte

MilbenartHauptwirt
Cheylettiella blakeiKatzen
Cheyletiella yasguriHund, selten Katze
Cheyletiella parasitivoraxKaninchen, Meerschweinchen, Katzen, Hunde, Silberfuchs
Cheyletiella strandtmanni Hasen

Die Tiere zeigen in der Regel keine Symptome. Nur bei sehr starkem Befall mit Cheyletiellen kann das Fell kräuselig erscheinen und zu Schuppung neigen. Katzen können bei einem Befall mit Cheyletiellen die mitunter heftigen Symptome einer Miliardermatitis (Flohallergie) ausbilden.

Insbesondere Tiere, die im Bett schlafen dürfen, können Überträger für Milben sein.

Insbesondere Tiere, die im Bett schlafen dürfen, können Überträger für Milben sein.

Bei einem häufigen engen Tierkontakt kann die Übertragung der Cheyletiellen auf den Menschen erfolgen. Insbesondere Kinder und Personen, bei denen das Haustier im Bett schlafen darf, sind gefährdet.

Nach einer ersten Ansteckung zeigen betroffene Patienten das klinische Bild einer lokalen Prurigo mit im Grüppchen auftretenden, rötlich erhabenen Hautknötchen, die in ihrem Zentrum ein prurigo-typisches Mikrobläschen aufweisen. Die Veränderungen finden sich vor allem am Oberkörper und den Extremitäten mit Ausnahme der Hände/Füße und gehen stets mit einem sehr starken Juckreiz einher. In der Regel führt der Befall zu einer Sensibilisierung des Immunsystems, sodass eine erneute oder dauerhafte Infektion mit den Milben zu starken, heftig juckenden, nicht abheilenden Ausschlägen führt. Die für die Scabies-Milbe typischen Grabgänge werden jedoch nicht beobachtet.

Der Nachweis der Milben auf der menschlichen Haut ist relativ schwierig, beim Tier kann er dafür aber recht einfach mit einem so genannten Tesa-Abklatschpräparat erfolgen. Bei Verdacht auf Cheyletiellose sollte also unbedingt das Tier auf Parasiten untersucht werden lassen. Aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr sollten bei einem positiven Nachweis konsequent alle Tiere eines Haushaltes sowie enge Kontakttiere behandelt werden

Ohne weiteren Kontakt mit infizierten Tieren heilen die Veränderungen nach etwa drei Wochen spontan ab, da die Milben auf der menschlichen Haut nicht allzu lange überleben können. Aus diesem Grunde reicht die antiparasitäre Behandlung des Tieres in der Regel aus, um bei den Kontaktpersonen ein dauerhaftes Abklingen der Symptome zu erreichen. Zur Linderung des Juckreizes können wie bei jedem Milbenbefall juckreizlindernde Salben eingesetzt werden.

 

Die Rote Vogelmilbe: Umtriebiger Blutsauger

Die Rote Vogelmilbe parasitiert in erster Linie bei Nutzgeflügel wie Hühnern oder Puten sowie bei Wildvögeln (z.B. Tauben). Im Gegensatz zu den oben genannten Arten lebt Dermanyssus gallinae nicht dauerhaft auf ihrem Wirt, sondern hält sich tagsüber in dunklen Nischen und Ecken auf, um dann nachts bei ihrem Wirt ihre Blutmahlzeit einzunehmen (temporärer Parasit). Nach dem Blutsaugen sind die Parasiten von sattroter Farbe, die sie im Rahmen längerer Hungerperioden wieder verlieren. Die Rote Vogelmilbe ist in der Lage, Hungerperioden von mehreren Monaten zu überstehen. Besonders ausgehungerte Vogelmilben befallen auch den Menschen, wenn geeignetere Wirte fehlen.

Verlassene Taubennester sind häufig "Heimat" der Roten Vogelmilbe

Verlassene Taubennester sind häufig „Heimat“ der Roten Vogelmilbe

Besonders gefährdet sind entsprechend Personen, die beruflich oder privat viel Vogelkontakt haben. Jedoch schützt das Meiden der gefiederten Tiere nicht zwangsläufig vor einer Infektion: Auf ihrer Suche nach Nahrung können Vogelmilben erstaunlich weite Strecken zurücklegen, sodass ein direkter Kontakt zu infizierten Tieren oder infizierten Gegenständen nicht zwingend notwendig ist. So kann z.B. ein verlassenes Taubennest unter dem Dach dazu führen, dass die ausgehungerten Parasiten bis in die Schlafzimmer der Hausbewohner wandern (entsprechend sind Bewohner oberer Stockwerke statistisch betrachtet häufiger betroffen). Diese Eigenschaft erschwert gemeinsam mit der Tatsache, dass die Milben ihren Wirt nach der etwa 20minütigen Blutmahlzeit verlassen und somit nicht auf der Haut der Patienten nachgewiesen werden können, die Diagnose unter Umständen erheblich.

Der Befall mit den Milben ruft beim Menschen heftig juckende, nesselsuchtähnliche Pseudoskabies hervor: An Oberkörper und Gliedmaßen entstehen gerötete, teils flüssigkeitsgefüllte Pusteln, die aufgrund des starken Juckreizes von den Patienten häufig aufgekratzt werden und sich dann durch bakterielle Besiedlung zusätzlich eitrig entzünden können.

 

Was, wenn mein Tier Milben hat?

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Katze mit stumpfem und kräuseligen Fell – klinische Hinweise auf einen Hautparasitenbefall!

Wenn Ihnen bei Ihrem Tier typische Symptome wie stark vermehrter Juckreiz, Fell- und Hautveränderungen oder Schuppen auffallen, suchen Sie bitte umgehend den Tierarzt Ihres Vertrauens auf. Dieser sollte Sie bezüglich der Therapie, notwendiger Hygienemaßnahmen und einer Gefährdung für Sie und andere Kontaktpersonen ausführlich aufklären. Möglich ist auch die prophylaktische Anwendung von Parasitenabwehrpräparaten (Langzeitpräparate in Form von Tabletten oder Halsbändern). Diese sollte aber, wie jede Medikamentengabe, stets nach gründlicher Abwägung Ihrer persönlichen Situation erfolgen.

Da die meisten Tiermilben nur bei sehr intensivem Kontakt auf den Menschen übertragen werden, sollte man zur Prophylaxe das Mitnehmen der Haustiere ins eigene Bett vermeiden.

Kranke Vögel und Wildtiere sollten möglichst nicht mit ins eigene Heim genommen, sondern idealerweise in einer geeigneten Pflegestelle abgegeben werden.

 

Hund/Katze/Maus: Wenn der Liebling zur Infektionsquelle wird
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Letzte Aktualisierung am 11.01.2017