Neue Hoffnung für Patienten mit kreisrundem Haarausfall

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Neue Hoffnung für Patienten mit kreisrundem Haarausfall – Tofacitinib

Der kreisrunde Haarausfall ist eine Autoimmunerkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen die Haarwurzel richtet. Dadurch wird das Haarwachstum gelähmt, und es entstehen kahle Stellen auf der Kopfhaut. In schweren Fällen kann das ganze Kopfhaar oder sogar die gesamte Körperbehaarung ausfallen. Zurzeit steht noch keine wirksame Therapie für den kreisrunden Haarausfall zur Verfügung. In einer ersten klinischen Studie ermöglichte der Wirkstoff Tofacitinib, der in die Kommunikation des Immunsystems eingreift, eine Regeneration des Haarwachstums.

 

Im Unterschied zu anderen Formen des Haarausfalls gehört der kreisrunde Haarausfall (Alopecia areata) zu den Autoimmunerkrankungen. Dabei richtet sich das Immunsystem, insbesondere eine bestimmte Art der weißen Blutkörperchen (zytotoxische T-Lymphozyten), gegen die Haarwurzel und löst eine Entzündung aus. Haare wachsen zyklisch mit einem Wechsel zwischen einer mehrjährigen Wachstumsphase (anagene Phase) und einer kürzeren Ruhephase (telogene Phase). Nach dieser Erholungsphase beginnt der Aufbau eines neuen Haares, und das alte Haar fällt aus. Durch die Schädigung der Haarwurzel kommt es beim kreisrunden Haarausfall zu einem Wachstumsstopp des Haares in der anagenen Phase.

 

Schwere Fälle mindern die Lebensqualität

Im Laufe des Lebens erkranken bis zu 2% aller Menschen an einer Alopecia areata. Damit gehört diese zu der dritthäufigsten Form von Haarausfall und einer der häufigsten Autoimmunerkrankungen über­haupt. Betroffene haben ein höheres Risiko im Laufe ihres Lebens an weiteren Autoimmun­erkrankungen wie bestimmten Schilddrüsen­erkrankungen, der Weißfleckenkrankheit (Vitiligo), Schmetter­lings­flechte (Lupus erythematodes), rheumatoiden Arthritis, chronischen Darmentzündung, Diabetes Typ I oder an Atopien wie der atopischen Dermatitis zu erkranken. Neben der „normalen“ Alopecia areata mit typischerweise runden bis ovalen, kahlen Stellen auf der Kopfhaut gibt es verschiedene Unterformen: dazu gehören der Ophiasis-Typ, bei dem der Haaransatz am Nacken, an den Schläfen und manchmal an der Stirn betroffen ist, die Alopecia totalis, bei der die gesamten Kopfhaare ausfallen und als schwerste Form die Alopecia universalis mit einem vollständigen Verlust der Körperhaare. Vor allem bei den letzten beiden Krankheitsformen verringert sich die Lebensqualität der Betroffenen oft erheblich.

 

Januskinase-Hemmer unterdrücken die zelluläre Kommunikation

Eine Behandlung des kreisrunden Haarausfalls ist schwierig und erfolgt meist mit entzündungs­hemmenden oder immununterdrückenden Wirkstoffen. Eine noch relativ neue Möglichkeit, Entzün­dungs­prozesse zu stoppen, sind Hemmstoffe der sogenannten Januskinasen (JAK). Immunzellen kommunizieren über Botenstoffe (Zytokine), die an der Entstehung von Entzündungen beteiligt sind. Die Signale werden anschließend im Zellinneren über den JAK/STAT-Signalweg weitergeleitet, und ein aktiver JAK/STAT-Signalweg in den Haarfollikeln verhindert den Eintritt des Haares in die anagene Wachstumsphase. Durch Hemmstoffe der Januskinasen (JAK-Inhibitoren) wird der JAK/STAT-Signalweg unterbrochen und die Haarwurzel kann sich erholen.

In einer US-amerikanischen Studie wurde im Zeitraum von Juli 2014 bis März 2015 die Wirksamkeit und Sicherheit des JAK-Inhibitors Tofacitinib-Citrat an 66 Patienten getestet. Bei diesen handelte es sich um 31 Männer und 35 Frauen, die zwischen einem halben Jahr und 43 Jahren an kreisrundem Haarausfall litten. Mit 71,2% war ein Großteil an der schwersten Form, der Alopecia universalis, erkrankt. Die anderen Patienten litten unter „normaler“ Alopecia areata (16,7%), Alopecia totalis (7,6%) und dem Ophiasis-Typ (4,6%). Alle Patienten erhielten drei Monate lang zweimal täglich 5 mg Tofacitinib in Tablettenform. Am Beginn und am Ende der Versuchszeit wurde der Schweregrad des Haarausfalls auf dem SALT-Index (Severity of alopecia tool) bestimmt, um den Behandlungserfolg bewer­ten zu können. Nach dem Therapieende wurden die Patienten für drei weitere Monate beobachtet.

 

Tofacitinib kreisrunder Haarausfall Alopecia areata

Abb.: Patienten, die an der „normalen“ Krankheitsform (AA) litten, wiesen durch die Therapie mit Tofacitinib im Schnitt eine SALT-Reduktion von 70% und damit eine deutliche Verbesserung der Symptome auf. Mit einer SALT-Reduktion von 68% ähnlich erfolgreich war die Therapie bei Patienten mit Ophiasis (Oph). Dagegen wiesen Patienten mit den schweren Krankheitsformen Alopecia totalis (AT) und Alopecia universalis (AU) nur eine durchschnittliche Verbesserung um 11,8% und 10,5% auf.

Tofacitinib hilft zwei Dritteln der Patienten

Über alle Patienten gemittelt nahm der SALT-Index bis zum Therapieende um 21% ab, d. h. die Symptome reduzierten sich um ein Fünftel. Allerdings reagieren die einzelnen Patienten sehr unterschiedlich und ließen sich anhand des Therapieerfolgs in drei Gruppen einteilen. Mit 36% etwa ein Drittel der Patienten verzeichnete lediglich eine Abnahme des SALT von weniger als 5% und reagierte damit so gut wie gar nicht auf die Therapie. Jeweils 32% der Patienten reagierten entweder sehr stark mit einer SALT-Reduktion von über 50% oder lagen zwischen diesen beiden Extremwerten. Einen Einfluss auf den Therapieerfolg hatte zum einen das Geschlecht, denn Männer reagierten mit einer gemittelten SALT-Reduktion von 23,7% fast doppelt so gut wie Frauen mit einer Abnahme von nur 13,9%. Außerdem schlug die Therapie schlechter an, wenn die Krankheit schon länger bestand, wobei hier weniger die Krankheitsdauer als der Zustand der Haarwurzeln ausschlaggebend war. Letzterer ist jedoch bei längerer Krankheitsdauer mit großer Wahrscheinlichkeit schlechter als bei kurzer Krankheitsdauer. Einen großen Einfluss auf den Therapieerfolg hatte weiterhin die Krankheitsform. So nahm der SALT-Index bei Patienten mit „normaler“ Alopecia areata im Mittel um 70% und bei Ophiasis um 68% ab, während er bei den schweren Ausprägungsformen Alopecia totalis und Alopecia universalis nur um 11,8% bzw. 10,5% sank (Abbildung).

 

Längere Therapiedauer kann weiteren Patienten helfen

Bei einigen Patienten wurde zusätzlich eine Biopsie der Kopfhaut durchgeführt, um den Zustand der Haarwurzeln vor und nach der Behandlung zu untersuchen. Dabei zeigte sich, dass Patienten mit einer ausgeprägten Entzündung deutlich stärker von der Therapie mit Tofacitinib profitierten als Patienten ohne Entzündungsanzeichen (32,9% versus 1,2% SALT-Reduktion). Weiterhin wurde die Aktivität von 16 verschiedenen Genen untersucht, die mit der Krankheit in Verbindung stehen und den sogenannten Alopecia areata Krankheitsaktivitätsindex (ALADIN) bilden. Anhand der Genaktivitäten ließen sich die Patienten, die gut oder gar nicht auf die Therapie ansprachen voneinander trennen. Dabei fiel auf, dass manche der Patienten ohne Therapieerfolg innerhalb der drei Versuchsmonate ein Genaktivitäts­muster aufwiesen, das eher dem der Patienten mit guter Ansprache auf die Therapie ähnelte. Möglicherweise wirkt Tofacitinib bei diesen Patienten einfach langsamer, denn zwei Studienteilnehmer aus dieser Untergruppe konnten nach Einnahme des Wirkstoffs für drei weitere Monate einen SALT-Rückgang von 50-90% verzeichnen.

 

Dauerhafter Effekt nur bei langfristiger Einnahme

Nach dem Absetzen des Medikaments kam es allerdings im Schnitt nach 8,5 Wochen zu einem erneuten Ausfall der Haare, so dass das Medikament wohl langfristig eingenommen werden muss, um einen dauerhaften Effekt zu erzielen. Als häufigste Nebenwirkung waren leichte Infektion wie Atemwegsinfekte und Nagelbettentzündungen zu verzeichnen, die bei einem Viertel der Studienteilnehmer auftraten. Da eine Kontrollgruppe fehlte, lässt sich jedoch nicht darauf schließen, zu welchem Anteil diese Infektionen auf die Unterdrückung des Immunsystems durch Tofacitinib zurückzuführen sind. In größeren Studien zur Wirksamkeit von Tofacitinib bei der Behandlung von rheumatischer Arthritis waren jedoch in der Testgruppe kaum mehr Infektionen als in der Kontroll­gruppe zu verzeichnen, so dass von einem insgesamt sehr guten Sicherheitsprofil des Wirkstoffs auszugehen ist.

 

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Literatur


 

Letzte Aktualisierung am 03.10.2017