Entzündungen im Mundraum durch Zahnersatz bei Kindern | derma.plus

Entzündungen der Mundschleimhaut & Allergien durch Zahnersatz bei Kindern

Zusammenfassung

Entzündungen oder gar Allergien im Mundraum durch Dentalwerkstoffe nehmen stetig zu, auch schon bei den Kleinsten. Die diversen Zahnersatz- und Gebrauchsmaterialien besitzen unterschiedliches Allergiepotenzial, insbesondere Metalle und Kunststoffe stehen immer mehr im Fokus. Bei Einsatz von Keramikwerkstoffen sind dagegen keine Wechselwirkungen bekannt.

Auf einen Blick:

+ Auftreten in jedem Alter

+ Symptome Schmerzhafte Schwellung, Rötung der betroffenen Schleimhaut, evtl. Bläschenbildung, Kontaktekzem um den Mund

+ Einflussfaktoren v.a. Inhaltsstoffe aus Dentalwerkstoffen, aber auch aus Gebrauchsmaterialien oder Medikamenten

+ Ansteckungsgefahr keine

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Einführung

Allergien nehmen durch neu entwickelte Materialien, steigende Schadstoffbelastung und genetische Prädispositionen bei Kindern zu. Zusätzlich ist in den letzten Jahren die zahnärztliche Versorgung von Milchzähnen gestiegen und der Trend hält weiter an. So kommen schon bei den Kleinsten Wurzelbehandlungen, Zahnkronen und Prothesen zum Einsatz. Obwohl die geprüften Dentalwerkstoffe sich durch eine gute Verträglichkeit auszeichnen, kommt es vermehrt zu Entzündungen und allergischen Reaktionen nach einer Zahnbehandlung. Vor allem der Einsatz von Metall, Metall-Legierungen und Kunststoffen birgt ein gewisses allergisches Potenzial. Dahingegen sind Keramikwerkstoffe sehr gut verträglich und werden auch bei Kindern immer häufiger verwendet.

Ursachen und Auslöser

Auch Kleinkinder können schon Karies bekommen. Besonders auffällig ist, dass in den letzten Jahren die Fälle von frühkindlicher Karies, die auch „Nuckelflaschenkaries“ genannt wird, zunehmen. Langjähriges Stillen oder Saugen an Nuckelflaschen, zuckerhaltige Lebensmittel- und Getränke und eine unzureichende Mundhygiene sind typische Auslöser. Eine gründliche Zahnpflege muss mit den Kleinen von Anfang an geübt und später auch weiterhin überwacht werden. Nur so kann Ablagerungen und Karies erfolgreich entgegengewirkt werden. Ist der Zahn jedoch soweit zerstört, dass eine aufwendige Zahnrestauration erfolgen muss, kommen diverse Dentalwerkstoffe mit unterschiedlichem Allergiepotenzial zum Einsatz.
So können vor allem Metalle, aus Kronen, Legierungen und Brücken, und Methacrylate, die in Kunststoffen, Komposits, Zement, Prothesen oder Klebern vorkommen, eindeutig als Auslöser allergischer Reaktionen identifiziert werden. Hier spielt die dauerhafte Bioverträglichkeit der Werkstoffe eine große Rolle, da zunehmend Kinder von Allergien betroffen sind.
Ein Material gilt dann bioverträglich, wenn es sich im direkten Kontakt mit dem Körper bzw. lebendem Gewebe neutral verhält und keinen negativen Einfluss auf den Stoffwechsel ausübt. Das heißt, wenn es dauerhaft keine allergischen oder gar toxischen Reaktionen lokal und im gesamten Organismus auslöst.

Bei Dentalwerkstoffen, wie z.B. Zahnkronen, die viele Jahre im Mund verbleiben, einer ständigen Belastung durch Abrieb beim Kauen oder saurem Speichel und Lebensmitteln unterliegen, geht es vor allem um die Korrosionsbeständigkeit. Auch das Herstellungsverfahren und die Verarbeitung des Materials an sich hat Einfluss, nur so kann gewährleistet sein, dass sich gar nichts bzw. so wenig wie möglich vom Werkstoff löst und keine langfristigen negativen Effekte in Erscheinung treten. Jedoch können sich bis zu 30 verschiedene Substanzen aus Zahnkunststoffen und bis zu 60 verschieden Inhaltsstoffe aus metallischen Dentallegierungen (Mischung aus mehreren Zahnmetallen) nachweisbar lösen, im Körper anreichern und in Folge dessen gesundheitliche Beschwerden hervorrufen. Besonders bei dauerhaftem Zahnersatz für Kinder sollte man dies als Eltern und Zahnarzt im Hinterkopf behalten, da der junge Organismus sehr anfällig für Störungen durch Schadstoffe (z.B. Methacrylate) und Schwermetalle (z.B. Nickel, Chrom, Silber etc.) ist. Die gesunde Entwicklung kann aufgrund der Toxizität und Mutagenität der einzelnen Stoffe durchaus permanent beeinträchtig werden. Deshalb ist beispielsweise auch das quecksilberhaltige Dentalamalgam seit dem 1. Juli 2018 für die zahnärztliche Behandlung von Milchzähnen, bei Kindern unter 15 Jahren und bei Schwangeren oder Stillenden verboten.

Viele Patienten kommen mit den angebotenen Materialien, die nach dem Medizinproduktgesetzt zugelassen sein müssen, sehr gut zurecht. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass ein Zahnersatz nicht eine Entzündung oder gar eine allergische Reaktion auslösen kann, besonders dann, wenn schon Unverträglichkeiten, Allergien (z.B. gegen Metalle) oder eine Immunschwäche bekannt sind.
Aber auch schlechtsitzende Zahnkronen bzw. Prothesen, die eine ständige mechanische Irritation des Zahnfleischs und der Mundschleimhaut bedingen und zudem Platz für Ablagerungen und Essensreste bieten, können starke Entzündungen im Mundraum verursachen.
Auch die Heilungsphase nach einer Zahnbehandlung kann lokale Entzündungen und ein unangenehmes Mundgefühl bedingen. Das sollte aber nach einigen Tagen bis wenigen Wochen vollständig von alleine abklingen.
Zudem können auch Kontaktallergien durch Latex oder Desinfektionsmittel, aber auch Medikamentenunverträglichkeiten (z.B. gegen Lokalanästhetika) zu Entzündungen oder Allergien führen.

Symptome und Krankheitsverlauf

Zumeist kommt es zu einer Allergie vom verzögerten Typ (Typ 4 Allergie oder auch Spättyp). D.h. die Symptome zeigen sich erst nach einer gewissen Zeit, wenn ausreichend T-Lymphozyten sensibilisiert wurden und Botenstoffe abgeben, die Leukozyten anlocken. Diese wiederrum lösen die Entzündungsreaktion aus.

Spezifische Symptome, die auf eine Entzündung oder Allergie hinweisen, können folgende sein:

  • kleine Bläschen (Aphten)
  • Knötchen (Papeln)
  • Rötungen der Schleimhaut
  • Zahnfleischbluten
  • Zahnfleischverfärbungen
  • Gestörte Wundheilung
  • Zungenbeläge
  • Schmerzen beim Essen
  • Schwellungen
  • Hautekzeme
  • Hautrötungen (Erytheme)

 

Unspezifische Symptome sind dagegen beispielsweise folgende:

  • Geschmacksstörungen (z.B. metallischer Geschmack)
  • Zungenbrennen
  • Magen-Darm-Probleme
  • Kopfschmerzen
  • Unwohlsein

 

Bei etwa 15-20 Prozent der Bevölkerung besteht eine Allergie gegen mindestens einen Dentalwerkstoff und bei circa 5-10 Prozent kommt es zu einem Kontaktekzem. Sollten die Symptome nicht nach wenigen Tagen abgeklungen oder sich deutlich verbessert haben, suchen Sie mit Ihrem Kind Ihren Zahnarzt auf.

Diagnose und Differentialdiagnose

Eine sichere Diagnose kann nur der Zahnarzt und/oder der Dermatologe treffen, da die oben genannten Symptome z.B. auch durch eine Parodontitis, einen entzündeten Zahnnerv oder Kariesbakterien verursacht werden können, die einen anderen Behandlungsansatz erfordern und nichts mit einer Allergie zu tun haben.

Die gebräuchlichsten Tests zur Feststellung einer Allergie aufgrund von Dentalwerkstoffen sind der Epikutan- und der Lymphozytentransformationstest.

Der Epikutantest wird von der Krankenkasse anerkannt und auch bezahlt. Dieser Test liefert einen Hinweis auf eine bestehende oder beginnende Allergie (Kontaktallergie), indem die potenziellen Allergieauslöser (Allergene) in die Haut eingebracht werden und anschließend die Stärke der Reaktion auf der Haut, z.B. in Form von Rötungen, Schwellungen, Quaddeln, Bläschen oder Juckreiz, abgelesen wird.

Zuverlässiger ist dagegen der Lymphozytentransformationstest (LTT), der nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Hierfür muss Blut abgenommen werden, das anschließend aufbereitet und mit den vermuteten Allergenen versetzt wird. Nachgewiesen werden die antigen-spezifischen T-Lymphozyten und damit eine bereits bestehende Sensibilisierung (Allergie Typ 4) gegen die getesteten Dentalwerkstoffe.

Allerdings ist zu beachten, dass fertig polymerisierte und metallische Zahnmaterialien so nicht getestet werden können, da viele Inhaltsstoffe erst nach Wochen oder Monaten freigesetzt werden. Es würde so zu einem falsch negativen Ergebnis beim Epikutan- und LT-Test kommen. Nur die Testung der einzelnen, freisetzbaren Inhaltsstoffe ist daher sinnvoll. Hier lohnt sich der Blick in die Datenblätter der Hersteller.

Nur wenn eindeutig eine Allergie mittels Allergietest festgestellt wurde, übernehmen auch die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für einen höherwertigen Zahnersatz, wie z.B. Keramik anstelle von Metall.

Therapie und Behandlung

Wurde eine Allergie gegen einen oder mehrere Inhaltsstoffe aus dem Zahnmaterial festgestellt, hilft nur das radikale Auswechseln der auslösenden Komponenten. Die symptomatische Therapie erfolgt wie bei normalen Entzündungen im Mundraum. Ziel ist hierbei die Schmerzen zu lindern und die Wundheilung zu beschleunigen. Lesen Sie dazu den ausführlichen Artikel von Prof. Abeck „Entzündungen im Mundraum“.

Bei Kontaktallergien richtet sich die Therapie nach der entsprechenden Symptomatik und muss individuell ausgerichtet werden. So sollte beispielsweise bei einer perioralen Dermatitis auf gar keinen Fall eigenmächtig Kortison angewandt werden, da dies die Symptome nur noch verstärkt. Wohingegen bei einem einfachen Ekzem eine leichte Kortisonsalbe schnell wirkt und den Ausschlag verschwinden lässt. Lassen Sie sich daher zusammen mit Ihrem Kind immer bei einem Arzt beraten.

Prävention und Vorbeugung

Eine gründliche Zahnpflege ist das beste Mittel, um Kariesbakterien, Zahnfleischentzündungen sowie dem Zahnverfall und dem damit nötigen Zahnersatz effektiv entgegenzuwirken.

Bestehen bei Ihrem Kind bereits Unverträglichkeiten oder Allergien, insbesondere gegen Metalle, sollten Sie einen Allergietest im Vorfeld der Behandlung in Erwägung ziehen. Besonders dann, wenn dauerhaft Zahnersatzmaterialien (z.B. Zahnkronen) im Mundraum eingebracht werden sollen. Hierfür können Sie sich an Ihren Zahnarzt oder Dermatologen wenden. Sie können auch in Abstimmung mit dem Zahnarzt von vornherein z.B. metall- oder kunststofffreie Zahnersatzmaterialien für Ihr Kind auswählen.

Tabelle: Vergleich von Zahnersatzmaterialien am Beispiel von Zahnkronen

 VorteileNachteile
Metallische Werkstoffe- Kassenleistung
- Leicht anzupassen
- Gute Biegefestigkeit
- Allergiepotenzial durch metallische Legierungen (v.a. Nickel, Chrom)
- Zunehmende Unverträglichkeiten bei Edelmetallen (Titan, Gold)
- Ästhetik leidet bei nicht verblendeten Zahnkronen
- Ggf. Geschmacksbeeinträchtigungen
- Leiten Wärme und Kälte stärker
Keramik mit Zirkonoxid- Beste Verträglichkeit - Keine Allergien & Wechselwirkungen bekannt
- Von Natur aus sehr geringe Löslichkeit
- Ästhetisch ansprechend bei Zahnkronen
- Hart und widerstandsfähig
- Glatte Oberfläche – weniger Ablagerungen, lässt sich besonders gut pflegen
- Geringe Temperaturleitfähigkeit
- Meistens Privatleistung
- Anpassung ist schwieriger als Stahlkrone
- Nicht bei Zähneknirschen geeignet (Material härter als natürlicher Zahn, schnellere Abnutzung)
Kunststoffe- Leicht zu verarbeiten
- Vielseitig einsetzbar (Fissurversiegelung, Wurzelkanalfüllungen, Kleber, etc.)
- Es werden immer Inhaltsstoffe (Monomere) freigesetzt
- Hohes Allergiepotenzial für Kontaktallergien
- Dentin Adhäsive als besonders starke Auslöser bekannt

Sind Sie sich unsicher, ob ihr Kind an einer Allergie aufgrund von Zahnersatzmaterialien leidet, wenden Sie sich an Ihren Zahnarzt, Dermatologen oder an das Internationale Beratungszentrum für die Verträglichkeit von Zahnmaterialien (BZVZ) der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

 

Literatur

 

Letzte Aktualisierung: 05.11.2019