Zusammenfassung

Lippenherpes (Herpes labialis) ist eine Infektion, die ausgelöst wird durch das Herpes-simplex-Virus. Die Erkrankung äußert sich in der Regel durch die Bildung der klassischen „Herpesbläschen“ im Bereich der Lippen. Aufgrund des hohen Ansteckungsrisikos und der Fähigkeit zur lebenslangen Viruslatenz ist die Erkrankung beinahe flächendeckend in der Bevölkerung verbreitet.

Auf einen Blick:

+ Auftreten Erstinfektion meist vor dem fünften Lebensjahr, Reaktivierung in jedem Alter

+ Symptome gruppiert stehende, stecknadelkopfgroße, teils schmerzhafte Bläschen im Mundbereich

+ Einflussfaktoren Stress, Sonnenlicht, Schwächung des Immunsystems, grippale Infekte

+ Ansteckungsgefahr hoch

Einführung

Der Lippenherpes (Herpes (simplex) labialis) ist eine häufige, durch das Herpes-simplex-Virus ausgelöste Infektion, die sich im Bereich der Lippen durch die Ausbildung der typischen Bläschen äußert. Das Virus lässt sich in seiner inaktiven Form bei nahezu jedem Menschen nachweisen. Die Ausbildung der bläschenförmig-ulzerierenden Hautveränderungen beruht in aller Regel auf einer Reaktivierung des Virus nach einer Schwächung des Immunsystems durch Stress oder vorangegangene Infekte.

Ursachen und Auslöser

Auslösender Erreger ist das Herpes-simplex-Virus, das in den zwei Subtypen HSV-1 und HSV-2 auftritt. 80-90% der Lippenherpes-Infektionen werden durch den HSV-1-Subtyp ausgelöst, während der Subtyp HSV-2 sich in der Regel in Verbindung mit Genitalherpes-Infektionen (Herpes (simplex) genitalis) nachweisen lässt.
Die Erstinfektion mit dem Herpes-simplex-Virus erfolgt durch eine klassische Schmierinfektion nach Kontakt mit virushaltigem Speichel, Urin oder Stuhl und findet meist schon im Kindesalter statt. Diese Erstinfektion kann vollkommen ohne Symptome ablaufen, in seltenen Fällen aber auch schwere Mundschleimhautveränderungen hervorrufen (primäre Herpesstomatitis). Das Virus wandert anschließend über die Nervenendigungen in der befallenen Schleimhaut in nahegelegene Nervenzellen (Nervus trigeminus und Ganglion trigeminale) ein, wo es oft lebenslang vom Immunsystem unerkannt bestehen bleibt (latente Infektion/Latenz).

derma.plus Expertenwissen: Viruslatenz

Unter Latenz versteht man in der Virologie die Fähigkeit bestimmter Viren, über lange Zeiträume in Zellen des Körpers bestehen zu bleiben, ohne vom Immunsystem als Krankheitserreger erkannt zu werden. Hierfür zieht sich das Virus in der Regel in Zellen zurück, die vom Immunsystem „weniger streng kontrolliert werden“, als der restliche Organismus (Zellen des Nervensystems, Haut). Das Genom (Erbinformation) der Viren ist dabei in den betroffenen Zellen nachweisbar, jedoch findet keine Freisetzung neu gebildeter Viren in den Körper statt. Entsprechend treten keine Krankheitssymptome auf. Durch verschiedene Einflussfaktoren wie Stress, Sonnenlicht, andere Erkrankungen oder Immunschwäche kann es zu einer Reaktivierung der Viren kommen. Typische Vertreter von Viren, die in eine Latenzphase eintreten, sind:

  • Herpes-simplex-Virus (HSV)
  • Varicella-Zoster-Virus (VZV)
  • Epstein-Barr-Virus (EBV)
  • Humanes Zytomegalie-Virus (CMV)
  • Humanes Polyoma-Virus 2 (JC-Virus)
  • Humanes Papillomavirus (HPV)
  • Humanes T-lymphotropes Virus (HTLV)

Eine Reaktivierung des Virus mit der Ausbildung charakteristischer Hautsymptome wird insbesondere im Zusammenhang mit Faktoren beobachtet, die zu einer Schwächung oder Herabregulierung des Immunsystems führen. Darunter fallen körperlicher und/oder psychischer Stress, fieberhafte Infekte, die hormonellen Schwankungen während der Menstruation oder immunsuppressive Medikamente. Das Virus nutzt diese Phasen der Immunschwächung und beginnt, sich zu vermehren. Entsprechend fulminant kann der Verlauf der Erkrankung unter massiver Immunsuppression (z.B. im Rahmen einer Chemotherapie oder bei HIV-infizierten Patienten), aber auch bei Patienten mit schwerer Neurodermitis oder ekzemähnlichen Erbkrankheiten der Haut sein.

Symptome und Krankheitsverlauf

Die Erstinfektion mit dem Herpes-simplex-Virus erfolgt meist vor dem fünften Lebensjahr und verläuft in aller Regel symptomlos, eventuell treten leichte grippeähnliche Beschwerden auf. In seltenen Fällen kommt es zur Ausprägung der so genannten Mundfäule, einer klinisch schwer verlaufenden Infektion der Mundschleimhaut (Gingivostomatitis herpetica, Stomatitis aphtosa).

Abb.1: Lippenherpes

Lippenherpes

Bei einer Reaktivierung des Virus kommt es schließlich zu einer oft schmerzhaften Ausbildung von gruppiert stehenden, stecknadelkopfgroßen Bläschen im Mundbereich. Insbesondere am Übergang von Gesichts- zu Schleimhaut an den äußeren Lippenrändern und den Mundwinkeln ist meist betroffen, da hier die Dichte der Nervenfaserenden besonders hoch ist. Häufig nehmen die Patienten vor der Ausbildung der Bläschen ein typisch juckendes, spannendes bis kribbelndes Missempfinden wahr.
Im weiteren Verlauf kommt es zu einer Eintrübung des Bläscheninhalts und schließlich zu einer Abheilung der Veränderungen unter Bildung gelblicher Krusten. Nicht selten kommt es zu einer bakteriellen Superinfektion (Impetiginisation, häufig durch Staphylococcus aureus) in den Bereichen der geschädigten Haut.
Findet eine Virus-Raktivierung im Rahmen von fieberhaften Infekten statt, bilden sich die Herpesbläschen häufig schon vor Ausbildung der grippalen Erkrankungszeichen; in diesem Zusammenhang wird auch von einem Herpes febrilis (Fieberbläschen) gesprochen. Bei Patienten mit atopischem Ekzem (Neurodermitis) kann es zu einer großflächigen Ausbreitung der HSV-Infektion, dem Eccema hepaticum kommen.
Eine Komplikation von Herpes-simplex-Virusinfektionen ist ein Befall der Augen (Herpes simplex corneae, Herpeskeratitis), der zur Ausbildung von oberflächlichen bis tiefen Hornhautulzera führt. In sehr seltenen Fällen kann es nach Infektion mit dem Herpes-simplex-Virus zur gefürchteten Ausbildung einer Entzündung des Gehirns kommen (Herpes-simplex-Enzephalitis oder Herpes-simplex-Meningoenzephalitis).

Der Lippenherpes hat lebenslang eine hohe Rezidivtendenz, sprich es kommt im Zusammenhang mit immunsystemschwächenden Ereignissen regelmäßig zu einer Symptomausbildung. Die Ausbildung einer effektiven Immunantwort mit endgültiger Beseitigung des Virus aus dem Körper ist bisher nicht nachweisbar.




Diagnose und Differentialdiagnose

Die Diagnose kann üblicherweise aufgrund der charakteristischen Lokalisation sowie anhand der Form und des Verlaufs der Bläschenbildung gestellt werden. Bestehen Zweifel an der Blickdiagnose, kann der direkte Virusnachweis z.B. aus einem Abstrich des Blaseninhaltes durchgeführt werden. Für epidemiologische Zwecke besteht die Möglichkeit, einen stattgefundenen Viruskontakt durch Nachweis spezifischer Antikörper nachzuweisen. Da die Verbreitung des Virus in der erwachsenen Bevölkerung (Prävalenz) jedoch bei nahezu einhundert Prozent liegt, eignet diese Methode sich nicht zum Nachweis einer akuten Erkrankung, sondern weist lediglich nach, dass zu einem unbestimmten Zeitpunkt im Leben des Patienten eine Ansteckung stattgefunden haben muss.

Differentialdiagnostisch lassen sich verschiedene Virussubtypen unterscheiden, woraus sich jedoch keine Konsequenz für die weitere Therapie ergibt. Eine bakterielle Hautinfektion im Mundbereich kann dem Stadium der krustenförmigen Abheilung eines Lippenherpes ähneln.
Kommt es bei Erstinfektion zu den Anzeichen einer Mundfäule, können differenzialdiagnostisch die Hand-Fuß-Mund-Krankheit, Aphthen und Herpangina in Erwägung gezogen werden.

Therapie und Behandlung

Grundsätzlich gilt: Einmal Herpes, immer Herpes, eine Heilung im Sinne einer vollständigen Elimination des Virus aus dem Körper ist nicht möglich.
Generell bilden sich die Symptome der Erkrankung nach einer Reaktivierung des Virus in aller Regel von allein zurück. Von einer Zerstörung/Eröffnung der Bläschen ist generell abzuraten, da dadurch zum einen erhebliche Mengen des Virus freigesetzt werden und zum anderen das Risiko für eine bakterielle Infektion der geschädigten Haut steigt. Da die Virusvermehrung nur 24 bis 36 Std anhält, sind lokal virostatisch wirksame Medikamente nur in dieser Frühphase, am besten schon bei den Vorläuferbeschwerden wie Spannungsgefühl und Juckreiz sinnvoll. Anwendung finden hier Salben, die Aciclovir oder die verwandten Wirkstoffe Famciclovir und Penciclovir enthalten.
Bei schwerer Symptomatik kann die systemische Verabreichung eines der oben genannten Wirkstoffe notwendig werden. Für die Therapie von Patienten mit krankheits- oder medikationsbedingter Schwächung des Immunsystems kann bei unzufriedenstellender Wirksamkeit von Aciclovir auf die Wirkstoffe Foscarnet, Valaciclovir oder Ganciclovir zurückgegriffen werden.

Prävention und Vorbeugung

Aufgrund der flächendeckenden Verbreitung und der hohen Infektiosität des Virus kann eine Infektion im Grunde nicht verhindert werden. Menschen mit hoher Rezidivneigung können durch das Vermeiden von Stressfaktoren eine relative Vorbeugung erzielen.

 




Lippenherpes (Herpes labialis)
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Literatur

Letzte Aktualisierung: 07.11.2016