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Tätowierungen: Nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen

Ein Beitrag von Frau Dr. rer. nat. Larissa Tetsch

Seit Jahrtausenden schmücken Menschen ihre Haut mit dauerhaften Bildern, meist aus rituellen Gründen oder, um eine Gruppenzugehörigkeit zu demonstrieren. Heute sind solche Tätowierungen ein gesellschaftlich akzeptierter Körperschmuck und Modetrend. Auch wenn das Verfahren in professionellen Studios weitgehend sicher ist, kann es zu Komplikationen kommen. Die häufigsten sind Infektionen aufgrund von kontaminierten Farblösungen oder mangelnder Hygiene und Unverträglichkeitsreaktionen gegen Bestandteile der Farblösungen.

Der Begriff Tätowierung leitet sich von „tattau“ ab, dem tahitischen Wort für „kennzeichnen“. Eine Tätowierung, auch Tattoo, ist ein Bild oder Schriftzug aus Tinte, die in eine tiefere Hautschicht, die Lederhaut (Dermis), eingebracht wurde. In dieser Hautschicht wird die Farbe nicht abgebaut, das Bild bleibt also dauerhaft erhalten. Seit Jahrtausenden lassen sich Menschen tätowieren, oft als Ausdruck einer kulturellen Zugehörigkeit oder im Zusammenhang mit rituellen oder religiösen Handlungen (Abb. 1). Bereits der Gletscher-Mann Ötzi, der vor über 5000 Jahren lebte, besaß mehrere Zeichen, die mit Nadeln oder durch kleine Einschnitte unter die Haut gebracht worden waren. Bekannt für ihre aufwendigen Tätowierungen sind auch die Skythen, ein eisenzeitliches Reitervolk der russischen Steppe, und verschiedene andere indigene Völker wie die Maori auf Neuseeland.

 

Moderner Körperschmuck mit langer Tradition

 Heute stellen Tätowierungen beim Menschen eine Form des Körperschmucks und der Ausdrucksmöglichkeit dar. Je nach Motiv können sie sexuelle Reize verstärken, ein Mittel zum Protest, zur politischen und religiösen Stellungnahme oder zur Erinnerung an ein Ereignis oder einen geliebten Menschen sein. Besondere Formen der Tätowierung sind das Permanent-Make- up, das in manchen Schönheitssalons angeboten wird, sowie medizinisch-therapeutische Abdecktechniken zur Behandlung von hypopigmentierten Hautbereichen bei der Vitiligo (Weißfleckenkrankheit), zur Kaschierung von Haarausfall oder zur Rekonstruktion des Brustwarzenvorhofs nach einer Krebsoperation. Bei diesen Techniken ist besonders wichtig, dass die Farbe auf den Farbton der gesunden Haut abgestimmt ist und an die richtige Stelle gelangt. Ist die Farbe nicht tief genug, verblasst sie mit der Zeit. Liegt sie zu tief, kann sie einen Blauton annehmen, der durch einen physikalischen Streueffekt zustande kommt (Tyndall-Effekt).
Hatten Tätowierungen im westlichen Kulturkreis lange Zeit ein eher negatives Image, sind sie inzwischen weitgehend gesellschaftlich akzeptiert, woran auch tätowierte Rollenvorbilder wie Schauspieler und Sänger einen Anteil haben. Heute sind in Europa 12% und in den USA sogar 24% aller Menschen tätowiert. Sofern sie in professionellen Studios von ausgebildeten Tätowierern ausgeführt werden, sind Tätowierungen heute auch im Großen und Ganzen sicher. Dennoch treten in geschätzt 2% der Fälle Komplikationen auf, die behandelt werden müssen. Durch das Einbringen der Farbe in die Lederhaut mit Hilfe von meist elektrischen Tätowierungsmaschinen mit vibrierenden, spitzen Nadeln entstehen kleine Verletzungen, in die Krankheitserreger eintreten können. Neben solchen Infektionen kann es auch zu allergischen Reaktionen auf die eingebrachten Farb- und Zusatzstoffe kommen.

 

Kontaminierte Farben als Infektionsquelle

Wenn Infektionen auftreten, ist oft nicht sicher, ob dies an kontaminierten Farben, einer ungenügenden Desinfektion der Haut oder an einem unhygienischen Verhalten des Tätowierten während des Heilungsprozesses liegt. Trotz einer Vielzahl an verwendeten Konservierungsmitteln, können Tätowierfarben erheblich mit Bakterien belastet sein. Dies sind typischerweise Staphylokokken, die beispielsweise das seltene Toxische Schocksyndrom auslösen können und oft Antibiotikaresistenzen aufweisen, was ihre Behandlung schwierig macht. Auch typische Hautbakterien wie Streptokokken und Pseudomonaden sowie Mykoplasmen, die in die Verwandschaft des Pesterregers gehören, sind oft nachweisbar. In Gegenden, in denen die Pest heimisch ist, wie in Teilen Indiens, können durch eine Tätowierung auch wirklich Pesterreger übertragen werden. In Europa handelt es sich dagegen um weniger gefährliche Arten wie Mycobacterium chelonae und Mycobacterium abscessus, die meist durch zur Verdünnung verwendetes Wasser in die Farben gelangen. Auftretende bakterielle Infektionen sollten auf jeden Fall mit einem Antibiotikum behandelt werden. Um die bakterielle Belastung zu verringern, wird bereits diskutiert, öfter benutzte und offen stehende Behälter durch Einmalbehälter zu ersetzen. Auch Viren wie Hepatitis B und Hepatitis C, das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) oder Herpes– Viren können beim Tätowieren übertragen werden, doch geschieht dies eher abseits von professionellen Salons.

 

Nicht jeder verträgt die Farbe

Entzündliche Reaktionen sind wohl die häufigste Nebenwirkung von Tätowierungen. Sie können Tage aber auch erst Jahrzehnte nach einer Tätowierung auftreten. Die meisten Entzündungen sind allergische Reaktionen vom verzögerten Typ (Typ IV-Allergie). Gegen welche Bestandteile der Farben sich die Immunreaktion im Einzelnen richtet, ist meist nicht leicht zu ermitteln. Als Farben dienen in der Regel moderne, wasserunlösliche Industriepigmente mit einem brillanten Farbkontrast. Dabei handelt es sich um Metallsalze oder organische Farbstoffe, die entweder in Wasser, in Alkohol oder in Glyzerin gelöst sind. Häufig verwendete Farbstoffe enthalten Kobalt (blau), Cadmium (gelb), Chrom (grün) und Quecksilber (rot), wobei vor allem rote Farben mit Quecksilber und Zinnoberrot, Nickel und Chrom im Verdacht stehen, Unverträglichkeitsreaktionen auszulösen. Auch kann der Einfall von UV-Strahlen aus dem Sonnenlicht oder Solarium manche Farbstoffe verändern, wie gelbe Azofarbstoffe, die unter dem Einfluss von UV-Licht zerfallen. Die Zerfallsprodukte können dann ebenfalls wieder allergen sein. Insgesamt enthalten die fertig gemischten Farblösungen bis zu hundert unterschiedliche Einzelstoffe wie verschiedene Lösungsmittel, Emulgatoren, Konservierungsmittel oder auch einfach Verunreinigungen durch polyzyklische, aromatische Kohlenwasserstoffe oder Phthalate, die prinzipiell alle eine allergische Reaktion auslösen können. Auch der rotbraune Naturfarbstoff Henna, der vor allem in indischen, asiatischen und afrikanischen Kulturkreisen zum Einsatz kommt, ist nicht immer unbedenklich, zumal er oft mit dem Kontaktallergen Paraphenylendiamin gemischt wird. Leider ist der Einsatz von Farb- und Zusatzstoffen bisher noch nicht einheitlich und verbindlich geregelt. So stellt die deutsche Tätowierverordnung bezüglich der Inhaltsstoffe lediglich eine Negativliste auf. In der Regel kommt es bei einer Unverträglichkeit gegen Bestandteile von Farbstoffzubereitungen zuerst zu einer lokalen Reaktion, die durch Juckreiz, Rötungen und Schwellung gekennzeichnet ist. Nur in seltenen Fällen weitet sich diese zu einer systemischen Reaktion aus. Entzündungsreaktionen lassen sich mit Glukokortikosteroiden (z.B. Kortison) behandeln, doch in manchmal muss die Tätowierung auch chirurgisch entfernt werden.

 

Tattoos können Krankheiten verdecken

Unklar ist bislang, ob Menschen mit Tätowierungen ein höheres Risiko haben, an Hautkrebs zu erkranken beziehungsweise, ob Tätowierfarben Krebs auslösen können. Auf jeden Fall kann es innerhalb von Tattoos zu Gewebewucherungen kommen, die zumindest durch die Verletzung oder durch die Injektion von krebsauslösenden Substanzen wie Benzapyren aus schwarzer Tinte mitausgelöst werden. Hierzu zählen gutartige Tumore, aber auch bösartige wie das Basalzellkarzinom, das Plattenzellkarzinom (heller Hautkrebs) und das maligne Melanom (schwarzer Hautkrebs). Problematisch ist zudem, dass eine pathologische Veränderung von Muttermalen, die sich innerhalb eines Tattoos befinden, oft erst sehr spät erkannt wird, weshalb es sinnvoll ist, Muttermale bei einer Tätowierung auszusparen. Nach einer Krebsdiagnose ist es oft auch schwierig festzustellen, ob sich in angrenzenden Lymphknoten bereits Metastasen gebildet haben, da sich darin häufig Farbpartikel ablagern, was eine Metastasierung vortäuschen kann. Tumore im Bereich der tätowierten Haut müssen chirurgisch entfernt werden.

 

Nicht alles soll für immer sein

Tätowierungen sind ein Modetrend in der Gesellschaft, dem manche Menschen unüberlegt folgen. Gerade junge Leute lassen sich Tattoos oft spontan stechen, um ein momentanes Gefühl oder eine Einstellung zu verewigen. Wenn sich diese im Laufe des Lebens verändern, wird das Tattoo nicht selten zur Last. Auch bei der Berufswahl kann eine ungünstig platzierte Tätowierung stören. Dessen Entfernung ist mit Hilfe eines Lasers möglich, der die Farbpartikel zerstört. Allerdings gelingt nicht immer eine vollständige Entfernung des Bilds, so dass ein Schatten, eine Art Geisterbild, zurückbleibt. Zusätzlich kommt es bei der Laserbehandlung in rund 5% der Fälle zu Komplikation. So können beispielsweise Azofarbstoffe durch eine Laserbehandlung in krebsauslösende Amine umgewandelt werden. Auch bilden sich manchmal schmerzhafte Blasen, Krusten und kleine Blutungen an der behandelten Hautstelle. Schließlich kann das betreffende Hautareal dauerhaft hypo- oder hyperpigmentiert bleiben, also einen helleren oder dunkleren Farbton aufweisen als die gesunde Haut. Da der in die Oberhaut (Epidermis) eingelagerte Farbstoff Melanin besonders viel Energie des Laserlichts aufnimmt, ist die Gefahr einer Schädigung bis hin zur Narbenbildung bei gebräunter Haut größer.

Durch den Besuch eines professionellen Studios lassen sich die vorgestellten Risiken minimieren. Zwar gibt es in Deutschland bislang keine einheitliche und verbindliche Regelung für die Ausbildung zum Tätowierer, aber in vielen Bundesländern müssen Tätowierer zumindest einen Sachkundenachweis gemäß Infektionshygiene-Verordnung vorlegen. Tätowierer sollten Handschuhe tragen und müssen die Haut auf jeden Fall gut desinfizieren. Nadeln und andere Komponenten, die mit der Haut oder Körperflüssigkeiten in Kontakt kommen, sind am besten Einmalware oder werden nach jedem Gebrauch sterilisiert. Trotzdem sollten Patienten mit bekannten Hauterkrankungen und Unverträglichkeitsreaktionen besser auf Tätowierungen verzichten. Auch das neu aufkommende Verfahren der „Do it yourself“-Tätowierung ist kritisch zu betrachten, da oft keine ausreichende Hygiene gewährleistet werden kann.

 

Literatur


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Letzte Aktualisierung am 27.10.2016